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Wolfgang R.

wolfgang

by Gisela L.

 

 

 

Kindheit und Schule:
Wolfgang lebte mit seiner Mutter Susanna und seinen beiden Schwestern Marlene, geb. 1932 und Elfriede, geb. 1940 in einem kleinen Ort im Erzgebirge im Osten von Deutschland.


Der Vater Paul war von Beruf Etuimacher und die Mutter Susanna arbeitete in einer kleinen Bäckerei vor Ort. Kurz vor Kriegsende starb sein Vater in Danzig. Wolfgang war 9 Jahre alt. Ein paar Tage zuvor hatte der Vater noch einen letzten Brief geschrieben mit den Worten: „Es wird nicht mehr lange dauern, dann ist der Spuk vorbei“.

 

„Unsere Mutter hat sich liebevoll um uns 3 Kinder gekümmert, musste aber den ganzen Tag arbeiten, damit wir wenigstens etwas zum Essen hatten. Wir lebten in einer kleinen 2 Zimmerwohnung mit Kohleheizung. Der Mietpreis betrug 11,00 Ostmark. In diesem Haus wohnten noch die Großeltern und Cousin und Cousine. Als einziger Junge habe ich dann die Vaterrolle übernommen und bin täglich in den Wald um Holz zu sammeln, damit wir es im Winter warm haben, denn die Winter im Erzgebirge sind sehr kalt.


Als Kinder spielten wir im Wald und suchten in der Natur und auf dem Feld nach Essen. So etwas wie Kindergarten oder Kinderbetreuung gab es nicht. 1942 mitten im Krieg wurde ich eingeschult. Die Schule war etwa 3 km entfernt. Da es keine Busverbindung gab und das Geld knapp war, lief ich täglich diesen steinigen Weg bei Wind und Wetter zur Schule und wieder nach Hause. Oft sogar barfuß oder mit selbstgebastelten Plastikpantoffeln. Der Lehrer war sehr streng. Selbst bei den kleinsten Verfehlungen wurden wir mit dem Rohrstock gezüchtigt. Hilfe oder Verständnis bekam man zu Hause nicht. Mutter sagte: „Du wirst schon etwas angestellt haben, wenn der Lehrer zornig ist“. Da wir Mutter nicht belasten wollten, nahmen wir die Dinge so hin, wie sie waren. Den einzigen Trost fand ich in der Natur und beim Basteln und Schnitzen mit Holz. Daraus entwickelte sich eine richtige Leidenschaft. Es entstanden beleuchtete Weihnachtskrippen mit Figuren und Springbögen für die Fenster. Damit habe ich die gesamte Familie an Weihnachten beschenkt. Mit der Bastelei entstand auch das Interesse an Elektronik.
Nach der Grundschule wechselte ich in die Volksschule, die noch 2 km weiter entfernt war. Auch diesen Weg ging ich zu Fuß. Auf dem Heimweg suchte ich auf den Feldern nach Lebensmitteln, die beim Ernten liegen geblieben waren.“


Auf die Frage, wie sich Wolfgang in dieser Zeit so gefühlt hat, sagt er: „Das war nur auszuhalten, weil die Familie eng zusammengehalten hat und das Wenige, was wir hatten, haben wir mit den Anderen geteilt. Wir waren damals schon so etwas wie eine Patchworkfamilie.


Vom Staat wurde eine Lebensmittelkarte ausgegeben und bei Vorlage erhielt man ein paar Scheiben Brot und Wurst, die genau abgezählt waren. Als kleine Süßigkeit für 5 Pfennig kaufte ich mir manchmal etwas Hefe.
Zu den Großeltern hatte ich ein gutes Verhältnis und lernte viel von meinem Großvater, er war Spengler von Beruf und ich half ihm dabei. Dafür bekam ich Butter und Marmelade als Dankeschön. Meine jüngste Cousine lebt heute noch in diesem Haus und der Kontakt zu ihr ist geblieben.


Nach meinem Hauptschulabschluss mit 14 Jahren begann ich meine Lehre als Elektriker bei der Firma Kraus in der nächstgelegenen Kreisstadt Schwarzenberg. Mein Chef schätzte mein handwerkliches Können und meine Zuverlässigkeit und nahm mich mit auf die Elektro-Messe nach Leipzig. Hier bekam mein Leben eine positive Wendung. Ich erlangte Selbstvertrauen und wollte meinen Beruf so gut wie möglich machen, damit es meiner Familie später bessergeht.


Im Jahr 1945 nach Kriegsende kam die nächste große Enttäuschung. Das kleine Wohnhaus wurde enteignet. Wir durften dort noch wohnen bleiben, hatten aber keinerlei Mitspracherecht mehr. Unsere Familie war praktisch nur noch geduldet und ich fühlte mich wie heimatlos. Alle Pläne von Umbau oder Ausbau wurden über Bord geworfen.

 

Beruf und Familie
1957 erzählte mir ein Nachbarsjunge von Rüsselsheim und er fragte, ob ich mitkommen möchte, um seinen Vater dort zu besuchen. Ein anderer Cousin von mir, wollte auch einen Bekannten im Westen besuchen. Da fast alle Jungs hier im Osten Mitglied in einem militärischen Sportverein waren, hatten wir bereits die Führerscheine für Motorrad, Auto und LKW gemacht. Das Komplettpaket kostete 100,00 Ostmark. Kurz entschlossen sind wir 5 Jungs mit 3 Motorrädern nachts um 1:00 Uhr heimlich von zu Hause weg in Richtung Grenze gefahren. Dort mussten wir alle unsere Pässe abgeben und so wurde aus Wolfgang „Bernd“.  Wir erhielten einen Interzonenausweis. Mittags um 13:00 Uhr sind wir unbeschadet in Rüsselsheim angekommen. In unserem Heimatort wurde eine Vermisstenanzeige nach 5 Jungs geschaltet, die vermutlich in den Westen unterwegs sind.


Nur eine Mutter ist eingeweiht gewesen und konnte die anderen Mütter beruhigen, weil sie wusste, dass wir im Westen gut angekommen sind. Der Vater meines Freundes hatte uns liebevoll aufgenommen und wir konnten in der ersten Zeit dort wohnen bleiben. Meine Mutter war am Boden zerstört, weil nun kein Junge mehr im Hause war, der Holz hacken und Feuer machen konnte. Zum Glück bekam meine Schwester Marlene eine Stelle als Lehrerin in Freiberg und nahm die Mutter zu sich. Dort lebte sie wieder auf und half der Tochter bei der Hausarbeit und betreute die Enkelkinder, wenn Marlene auf der Arbeit war. Die jüngere Schwester arbeitete für die Botschaft und konnte so nach Berlin übersiedeln.
Da ich schon den LKW Führerschein hatte, suchte ich nach einer Arbeitsstelle als Fahrer. Der LKW Führerschein aus dem Osten war hier nur bedingt anerkannt und so bekam ich anfangs nur ein sehr schlecht bezahltes Angebot als Aushilfsfahrer und Beifahrer. Doch ich war froh darüber, wenigstens etwas Geld zu verdienen. 1958 erfuhr ich von einem Nachbarsjungen in Rüsselsheim, dass eine große Spedition in Darmstadt-Griesheim noch gute zuverlässige Fahrer sucht. Ich bekam den Job und wurde angemessen bezahlt. Von da an ging es bergauf und ich konnte mir ein finanzielles Polster ansparen. 1963 war es dann soweit, ich habe mir meinen Traum von der Selbstständigkeit erfüllt und eine eigene kleine Speditionsfirma in Griesheim gegründet.


Anfangs hatte ich nur einen kleinen 15 Tonnen LKW und später noch einen 40 Tonnen LKW mit Krahn. Von da an bin ich deutschlandweit auf Baustellen unterwegs gewesen und habe Baumaterial angeliefert und Bauschutt abtransportiert. Die Auftragslage war gut, ich bin täglich von morgens 5 Uhr bis 23 Uhr abends auf Tour gewesen.


Auf meine Frage hin, ob das nicht sehr anstrengend sei, sagt Wolfgang:
„Nein, mir hat die Arbeit große Freude bereitet.


1964 während einer Mittagspause in Griesheim lernte ich dann meine spätere Ehefrau Mia kennen. Sie fiel mir besonders auf, da sie mit viel Liebe ihren kleinen Garten bepflanzte. Ich lud sie an dem darauffolgenden Wochenende zum Tanzen ein und dann ist der Funke übergesprungen.


1965 heirateten wir in ganz kleinem Kreis. Ich hatte an diesem Tag noch einen Großauftrag zu erledigen und wäre fast zu spät zum Standesamt gekommen. Einen Blumenstrauß konnte ich nicht mehr besorgen. Eine Bekannte hat mir auf der Straße einen Strauß geschenkt, damit ich nicht mit leeren Händen dastehe. In dieser Zeit musste man verheiratet sein, um eine Wohnung zu bekommen.


Wir waren sehr glücklich und freuten uns über unsere erste kleine eigene Wohnung. 1966 kam unsere Tochter Gaby  und 1968 unser Sohn Frank zur Welt.


Da ich viel auf Baustellen unterwegs war, habe ich ein günstiges Grundstück in Griesheim gefunden. Quadratmeterpreis damals 18,00 DM. Für mich gab es keinen Sonn- und Feiertag, tagsüber LKW fahren und Geld verdienen und abends und an den Wochenenden arbeitete ich auf der Baustelle am Bau des Hauses und an einer Halle für die LKWs. Mein Wohnhaus besteht hauptsächlich aus Bauschutt. Ich habe die Steine, die noch brauchbar waren, abgeladen und verarbeitet, nur der Rest kam zur Mülldeponie. Das war damals noch erlaubt.


Für die Familie war so gut wie keine Zeit. Ohne meine liebenswerte Ehefrau, die mir den Rücken freigehalten hat, wäre das nicht zu schaffen gewesen. Urlaub und Freizeit sind ein Fremdwort für mich. Erst als die Kinder größer waren, fuhren wir regelmäßig im Winter in den Skiurlaub nach Schladming. Wir wurden leidenschaftliche Wintersportler und mit der Gastfamilie sind wir bis heute befreundet. Meine Tochter Gaby erlernte den Beruf der Speditionskauffrau und mein Sohn Frank machte eine Ausbildung zum KFZ-Mechaniker. Doch beide Kinder arbeiten heute in anderen Berufen, die weniger anstrengend sind. Da die Kinder die Firma nicht übernehmen werden, habe ich nach 40 Jahren meinen großen LKW an einen jungen Mann verkauft, der auch eine Firma gründen will.


Ruhestand gibt es nicht wirklich. Ich habe mich dann hauptsächlich um Arbeiten am Haus und in dem Garten gekümmert. Ich besuche regelmäßig die Verwandten und meine jüngste Schwester, die noch in der alten Heimat leben.“


Fazit und Wünsche
Abschließend habe ich nach dem Lebensmotto gefragt und was er sich noch für die nächste Zukunft wünscht:
„Durch Arbeit und Fleiß kann man fast alles schaffen.


Mein großes Glück: meine Ehefrau Mia, meine beiden Kinder und die 4 Enkelkinder sowie gute Freunde und Verwandte, die für einander da sind und sich gegenseitig helfen. Freundschaft ist Ehrensache. Man lässt die Menschen, die einem geholfen haben, nicht im Stich. Ich wünsche mir, dass es mit meinem Herzen und der Luftnot durch die Operation bald besser wird, damit ich wieder leistungsfähiger bin und die anstehenden Verschönerungsarbeiten am Haus erledigen kann. Und dass die Familie zusammenhält und lange gesund bleibt.


Ich würde alles nochmal so machen. Natürlich habe ich auch Fehler gemacht, aber das gehört zum Leben dazu. Ich bin mit meinem Leben und was ich aufgebaut habe zufrieden.“