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Marianne H.

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by Anita S.

 

 

„Komm, mer gien in die goud Stobb“ ¹, so begrüßt mich Marianne, als ich sie am Nachmittag treffe. Auf dem Tisch steht ein leckerer Eierlikörkuchen und es duftet nach Kaffee. Bevor bevor wir loslegen, essen wir erst einmal ein großes Stück von dem selbstgebackenen Kuchen und trinken eine Tasse Bohnenkaffee, „dann senn mer schun mol offgewärmt“ ¹, schmunzelt sie mich an. Marianne steht wenige Tage vor Ihrem 85. Geburts-tag; sie lebt in einem Dorf (ca 3.900 Einwohner) im Taunus in der Nähe von Limburg an der Lahn.

 

Kindheit und Jugendalter
Geboren und aufgewachsen ist Marianne in dem Dorf, in dem sie bis heute lebt; geboren 1936 als ältestes Kind von insgesamt vier Geschwistern (drei jüngere Brüder). Die Familie lebte zusammen mit den Großeltern väterlicherseits in einem landwirtschaftlich geprägten Haushalt – auf dem Dorf war es seinerzeit üblich, dass Familien einen Bauernhof als Nebenerwerb führten. Ihre Vorfahren kamen ursprünglich nicht aus der Landwirtschaft, ihr Großvater väterlicherseits war Postbote, ihr Großvater mütterlicherseits war Schmiedemeister. Ihre Großmutter starb früh, als sie circa 6 Jahre alt war. Sie erinnert sich, dass ihr Großvater Max in der Familie ziemlich dominierte, er hat bei allen täglichen Dingen und Entscheidungen mitgesprochen, auch bei der Kindererziehung. Ihr Großvater hatte frühzeitig seine Arbeit als Postbote aufgegeben, danach war er hauptsächlich Landwirt und hatte dazu die Obhut der Dorfzweigstelle der Nassauischen Sparkasse inne. Die Sparkasse war ein Schrank in der Wohnstube und Leute aus dem Dorf kamen wochentags und auch Sonntagsmorgens um Geld einzuzahlen oder abzuheben. Kinder brachten ihre Sparmärkchen. Marianne erzählt:


„Als ich so 9 oder 10 Jahre war, wurde mir schon das „Geld fortbringen“ aufgetragen –, z.B. das Gehalt für Bahnbeamte oder auch Lehrer. Mein Opa bekam es angewiesen, hat es dann fertiggemacht mit einer Abrechnung, es kam in Papiertüten und ich trug es zu den Leuten. Manchmal bekam ich dann ein paar Groschen geschenkt. Ich habe es gerne gemacht, aber oft hatte ich dann keine Zeit um mit Freundinnen zu spielen. Mein Opa hatte auch die örtliche Kirchenkasse, so kam der Pfarrer häufig mit der Kollekte und hat sie aufs Kirchensparbuch eingezahlt, das alles immer mitten im Wohnzimmer.


Das Familienleben war katholisch geprägt. Nach dem Krieg übernahm ihr Vater dann den bäuerlichen Betrieb. Sie hat schon früh im Haushalt mitgeholfen; sie erinnert sich, dass sie sich häufig zusammen mit ihrem Großvater um ihre jüngeren Brüder gekümmert hat, z.B. nachmittags, wenn ihre Eltern auf dem Feld waren. Für sie war es normal, aber sie hätte auch oft gerne mit ihren Freundinnen gespielt. Tanten und ihre Großmutter mütterlicherseits haben bei der Arbeit auf dem Hof mitgeholfen, es waren immer viele Leute und damit viel Leben im Haus.

 

Marianne ging in die Volksschule – es waren die Kriegsjahre – mit Abschluss nach acht Jahren. Als Älteste und ein Mädchen, blieb sie „zu Hause“ und arbeitete im Haushalt des elterlichen Betriebes mit. Der älteste Bruder wollte kein Landwirt werden und hat eine Lehre gemacht – Marianne setzte dann durch, dass auch sie eine Ausbildung machen konnte, die sie dann auf einer hauswirtschaftlichen Berufsschule und einer nachfolgenden Landwirtschaftsschule absolvierte. Zuhause hat sie hauptsächlich im Haushalt und elterlichen Betrieb gearbeitet, während ihre Mutter mehr aufs Feld ging und sich um die Tiere kümmerte. Schon früh konnte sie selbstständig kochen und Kuchen backen – bis heute ist Kuchenbacken eine große Leidenschaft von ihr.


¹  Lokales Dialekt – „Komm wir gehen in die gute Stube“

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Familiengründung- Erwachsenenzeit – Das Leben als Bäuerin
Schon als junges Mädchen mit circa 16 Jahren hat sie ihren späteren Mann kennengelernt, ganz klassisch auf einem der Tanzfeste, wie sie auf dem Dorf üblich waren. Er war vier Jahre älter als sie und Landwirt in seinem elterlichen Betrieb, der nur wenige Straßen entfernt war.


Sie erzählt schmunzelnd: „Meine Eltern und der Großvater meinten, dass ich noch nicht alt genug sei, um tanzen zu gehen, selbst der Pfarrer hätte einmal zu ihr gesagt: Ei Du bist doch noch viel zu jung um einen Freund zu haben. Zu der Zeit gingen meine Eltern immer mit, wenn ich auf ein Tanzfest ging – sozusagen um auch mich acht zugeben.
In der Zeit, als Alois dann „auf die Frei“ ² ging, half er auch gelegentlich auf Mariannes elterlichem Hof mit. Sie erinnert sich weiter: „Da ich zuhause hauptsächlich viel im Haushalt machte, hatte ich noch keine Erfahrung mit dem Melken. Noch vor der Hochzeit habe ich dann einen Melkkurs gemacht, um richtig melken zu können, das war ja nicht einfach, aber eine angehende Frau eines Landwirtes sollte das richtig können.“

Geheiratet hat Marianne, als sie 21 Jahre war, das war 1957. Im gleichen Jahr siedelten ihre Eltern von dem Dorfbauernhof aus in einen Aussiedlerhof – im Rahmen der damaligen Flurbereinigung – landwirtschaftliche Flächen wurden um die Aussiedlerhöfe herum zusammengelegt. Das war ein großes Ereignis für die Familie. Marianne ging nicht mehr mit auf den Aussiedlerhof, mit der Hochzeit zog sie zu der Familie ihres Mannes. Sie lebte zusammen mit ihren Schwiegereltern auf dem Hof im Dorf.

 

Ein Jahr später wurde der erste Sohn geboren; Ihr Schwiegervater starb ein Jahr später.
Ende der 50iger/Anfang der 60iger Jahre: Sie ging damals viel mit aufs Feld z.B. um Kartoffel zu pflanzen, das war noch per Hand in gebückter Haltung. Auf die Frage, wie sie diese körperliche Arbeit damals empfunden hat, sagt sie „Es war halt so, ich war es ja so gewöhnt.“ Später, nach und nach, wurden sie fortschrittlicher, schafften Landmaschinen an und erweiterten den Betrieb. Wenn Marianne auf dem Feld war, oder sich auch um die Tiere kümmerte. d.h. füttern, melken, Ställe ausmisten, kümmerte sich ihre Schwiegermutter um Haus und Enkelkinder. Marianne hat drei Kinder, in Abständen von jeweils vier Jahren kamen ein weiterer Sohn und eine Tochter zur Welt. Aber auch ihr Vater –mittlerweile auf dem Aussiedlerhof lebend - und ihre Geschwister haben immer wieder mitgeholfen bei der Ernte oder wenn es „Not am Mann“ war. Auch Freunde und Nachbarn halfen sich gegenseitig.

 

„Die gegenseitige Hilfe war ganz natürlich, das gemeinsame Tun und das verlässliche Füreinander da sein war für uns alle immer sehr wichtig. Alle waren froh, wenn ein Tagewerk erledigt war, dann haben wir das auch zusammen gefeiert beim gemeinsamen Essen und Trinken.“
Urlaub kannten sie nicht, „in der Erntezeit ging es sowieso nicht und auch die Tiere, Schweine und Kühe alleine zu lassen oder in andere Versorgungshände zu geben, konnten wir uns gar nicht vorstellen“, sagt sie. Abwechslung fanden sie in den dörflichen Vereinen. Ihr Mann war sehr musikalisch, er spielte Mandoline, war im Mandolinenclub und in einem Blasorchester aktiv und betätigte sich auf politischer Ebene in der Gemeinde. Marianne engagierte sich im Landfrauenverein und in der Gemeinschaft Katholischer Frauen. „Das Engagement und die Arbeit in den Vereinen und in der Dorfgemeinschaft war schön und abwechslungsreich für uns, es immer waren sehr frohe Zeiten“ sagt sie

 


² „auf die Frei“ – lokal für auf Freiersfüßen

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Lebensmitte und das Hier und Jetzt
Über die Jahre entwickelte sich der Hof zu einem großen Betrieb mit vielen Stallungen, einer großen Scheune und Nebengebäuden. Wir haben immer wieder in Erweiterungen und Erneuerungen investiert.


„Die Tage waren gefüllt mit körperlicher Arbeit, aber es war eine sehr schöne Zeit voller Leben. Zu allen Zeiten beteiligten wir uns an Festen und Feiern in den Vereinen und der Kirche, halfen mit bei den Vorbereitungen und unternahmen auch Wanderungen, an denen auch die Kinder mit dabei waren. Es war eine erfüllende Zeit, Urlaube haben wir nicht vermisst. Wenn z.B. ein Kälbchen zur Welt kam, dann war das ein wichtiges Ereignis, da wären wir nie weggefahren,“ sagt sie ganz bestimmend.

 

Erst später, als die Kinder größer waren, haben wir Tagesausflüge gemacht und sehr viel später auch die eine oder andere Vereinsreise oder mal eine Städtetour. Obwohl sowohl sie als auch ihr Mann „nur“ die dörfliche Volksschule besuchten, haben sie allen drei Kindern das Abitur ermöglicht. Eigentlich sollte der älteste Sohn die Landwirtschaft übernehmen, aber er zeigte frühzeitig kein Interesse und widmete sich lieber der Musik. Alle Kinder sind sehr musikalisch orientiert. Der Älteste studierte Posaune und wurde Berufsmusiker, der zweitälteste Sohn hatte die schulische Ausbildung bei den Limburger Domsingknaben und sang dort für viele Jahre im Chor. Er studierte Lehramt und singt noch heute in einem renommierten Theaterchor. Die Tochter spielt Gitarre und Mandoline in einem Verein; sie studierte Jura und arbeitet als Anwältin und Notarin und engagiert sich ehrenamtlich in der Gemeindepolitik.

 

„Wir haben immer die dörfliche Gemeinschaft geliebt und gelebt;“ sagt sie, die Verbundenheit mit ihren Geschwistern ist sehr groß; sie alle haben Kinder und Enkel und so entwickelte sich im Laufe der Jahre eine große familiäre Gemeinschaft mit intensivem Zusammenhalt und gegenseitiger Hilfe. Auch durch das Vereinsleben und das dörfliche Engagement bildeten sich Gemeinschaften mit großer Verbundenheit und auch vielen Feiern und Festen auf dem Hof, ob Landfrauen, Gesangverein, Feuerwehrkapelle, Mandolinenclub  oder runde Geburtstage in der Verwandtschaft, sie alle feierten und musizierten zusammen.


Im Laufe der Jahre 2004-2006 haben sie den landwirtschaftlichen Betrieb langsam auslaufen lassen, nachdem ihr Mann vermehrt gesundheitliche Probleme hatte und es auch offenkundig war, dass keines der Kinder den Betrieb weiterführen würde. Als sie nach und nach mehr freie Zeit hatten, konnten sie häufiger ihre beiden Enkelkinder in Koblenz besuchen und vieles mit ihnen unternehmen und erleben. Sie hatten dann auch die Möglichkeit, die eine oder andere Reise zu unternehmen; und auch kulturelle Veranstaltungen und größere Konzerte zu besuchen, z.B. im Staatstheater in Wiesbaden und vieles mehr. Mariannes Mann verstarb 2016. Ende 2019 verstarb ihr ältester Sohn sehr plötzlich im Alter von 61 Jahren. Das war für sie ein großer Schicksalsschlag und die kurz darauf einsetzende Pandemie mit den Kontaktbeschränkungen war sehr hart.

 

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Heute lebt Marianne alleine im Haus mit dem großen Anwesen. Sie erledigt ihren täglichen Haushalt und liebt noch immer die Gartenarbeit. „ich bin nicht mehr so gut zu Fuß, aber ich kann mich noch gut bücken“ – erzählt sie mir mit Freude und Stolz. Sie macht ihre täglichen Runden ins Dorf, zum Friedhof, in die Kirche, zum Bäcker und Metzger etc. und trifft sich mit Freundinnen und Nachbarn, wann immer es geht. Vor Corona ging sie noch in die Gymnastikgruppe, das vermisst sie momentan sehr. Sie liest die Tageszeitung, sieht fern und telefoniert um Kontakte zu halten. Ihre Tochter wohnt mit ihrem Mann in der Nähe; sie kümmern sich, wo notwendig. Auch ihre beiden Brüder (der älteste Bruder ist bereits verstorben) kommen regelmäßig – „der Familienzusammenhalt ist ganz wichtig“ sagt sie mit fester Stimme – einsam und alleine fühle ich mich nicht, aber das liegt an einem selbst. Ich suche auch weiterhin  den Kontakt mit meinen Mitmenschen.

 

„Es ist wichtig, immer einen guten Freundeskreis zu haben – besonders im Alter – denn je älter man wird, desto dünner wird er, natürlicherweise werden es immer weniger.“
„Ich hatte kein aufregendes Leben, verglichen mit vielen anderen Menschen, aber die Gemeinschaft und der Zusammenhalt mit der Familie, Kindern und Geschwistern und auch Freunden war uns und ist mir ganz wichtig, sie schenken Freude -  der Beistand der Familie ist wichtig, wenn man mit Schicksalsschlägen umgehen muss.“
„Ich bin dankbar und froh für das was ich erleben durfte, die Erinnerung ist ein schönes Geschenk und mein Glaube und meine Religion geben mir Halt und tröstet mich in schweren Zeiten. Aber, neben den kleinen Wehwehchen, fühle ich mich noch gut im Leben dabei und verankert.

 

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Am Ende unseres Gesprächs machen wir eine Runde durch Stallungen und Scheune und den Garten, da kann ich mich überzeugen, wie sie sich noch bücken kann. In einem der Ställe fliegen die Schwalben hin und her, es gibt mehrere Schwalbennester. Marianne freut sich und sagt :

„Sie kommen immer wieder  -  das freut mich jedes Mal -
ein Zeichen, dass es immer wieder weitergeht im Leben.“