Link verschicken   Druckansicht öffnen
 

Uschi M.

DENTA_Frankfurt_Uschi M._photo 1

by Silvia D.

 


Kindheit
Uschi wurde im März 1952 geboren. Sie hat zwei Geschwister, einen älteren Bruder und eine jüngere Schwester. Sie sagt: „ich glaube, ich war das einzige Wunschkind […]  war so, mein Bruder ist der Erstgeborene, er war sozusagen ein Unfall, meine Mutter war 18, als er zur Welt gekommen ist. Das war damals eine Riesengeschichte. Meine Eltern haben geheiratet, haben aber in der Kirche nicht die Kommunion gekriegt“. Uschis Familie wohnte in einem kleinen Dorf in der Nähe von Trier. Die Menschen in dieser Gegend sind sehr kirchlich orientiert, es herrschten damals sehr strenge Moralauffassungen, so war ein uneheliches Kind eine große Belastung.


Die Familie lebte zunächst bei Uschis Großeltern väterlicherseits, wo sie Mansardenräume beziehen konnte. Im Haushalt lebte auch der Bruder von Uschis Vater, so dass die Lebensverhältnisse recht beengt waren.


Uschis Vater war ein kleiner Angestellter und die finanzielle Situation der Familie war nicht leicht. Als Uschis Bruder eine komplizierte Herzoperation benötigte, deren Kosten von der Krankenkasse nicht übernommen wurden, nahm auch Uschis Mutter eine Arbeit auf. Uschi ist dann hauptsächlich von ihrer Großmutter betreut worden, die mittags gekocht hat, wenn sie aus der Schule kam; auch der Vater kam mittags zum Essen nach Hause.

 

Schule
„Ich habe dann als einziges von den Kindern durchgesetzt, dass ich auf das Gymnasium gehen konnte.“ Zunächst hat Uschi bis zur mittleren Reife die Realschule besucht. Ihre Eltern haben ihr anfangs nicht zugetraut, dass sie die Schule gut bewältigen würde, aber beim Realschulabschluss war sie eine der Besten und konnte dann anschließend auf ein Gymnasium gehen. Dadurch hatte Uschi in der Familie und unter den Geschwistern eine besondere Position. Ihr Bruder hatte in der Pubertät viele Probleme mit dem Vater und der Schwerster als jüngstem Kind kamen einige Umstände zugute, die die älteren Geschwister bereits erkämpft hatten. Uschi sieht es als problematisch an, dass sie keine innige Beziehung zu ihren Eltern hatte, besonders zur Mutter. Ihrem Vater stand sie etwas näher, obwohl auch diese Beziehung nicht einfach war. In der Kindheit und Jugend fehlte ihr das Vertrauen ihrer Eltern und ihre Unterstützung.

 

Studium und Familiengründung
Nach dem Abitur lernte Uschi ihren ersten Mann kennen und ging gemeinsam mit ihm nach Mainz, wo sie ein Studium aufnahm. Bald darauf wurde sie schwanger und bekam mit 20 Jahren einen Sohn. Daraufhin unterbrach sie ihr Studium und die Familie zog 1973 nach Frankfurt am Main. Dort setzte Uschi ihr Studium fort und es begann eine Zeit des politischen Erwachens und Engagements. Beispielsweise hat sie mit anderen Eltern den ersten Kinderladen in Frankfurt gegründet. Da dort zunächst nur eine stundenweise Betreuung des Sohnes erfolgte, war es für Uschi sehr schwierig, das Studium mit Kind und Familiensituation zu vereinbaren. Sie sagt dazu: „Im Grunde hatte ich keine Zeit für die Uni, aber irgendwie ging es doch, ich habe es irgendwie geschafft. Das war damals die Zeit der Studentenrevolte und auch der Frauenbewegung und da habe ich gerne mitgemacht; also ich habe in Frankfurt meine politischen Kenntnisse erworben, in Trier wurde damals totgeschwiegen, dass Karl Marx dort geboren worden war. Ich habe das erst in Frankfurt erfahren. Es war Provinz hoch drei, wo ich hergekommen bin und ich war dann ganz neugierig auf das, was hier war. So habe ich dann in der Frauenbewegung mitgemacht und bei der Studentengeschichte.“


1977 kam es zur Trennung von ihrem Ehemann. Es folgte eine jahrelange Therapie, die Uschi als eine sehr positive Zeit beschreibt, in der sie sehr viel über sich selbst gelernt hat.


Nach der Scheidung lernte sie in einer Bürgerinitiative gegen Atomkraft ihren jetzigen Mann Peter kennen. Diese Beziehung hat sich erst langsam entwickelt und wurde dann immer intensiver. Peter hat sie bei ihren Erfahrungen in der Therapie begleitet und sich dadurch auch mit vielen Themen seiner eigenen Biografie und seiner Männerrolle auseinandergesetzt. Sein Verhältnis zu Uschis Sohn war sehr gut, er hat sich ihm als Freund und nicht als Vater präsentiert. Auch das Verhältnis zu Uschis erstem Mann war gut, so dass sie sich alle drei gemeinsam um die Kindererziehung gekümmert haben.

 

Berufsleben und Weiterbildung
Nach dem Abschluss ihres Studiums der Sozialwissenschaft und Erwachsenenbildung folgten ganz verschiedene berufliche Stationen. Eine Festanstellung bekam Uschi zunächst nicht und fing an, an der VHS Deutschkurse zu geben. Parallel schrieb sie Zeitungsartikel, auf Honorarbasis. Um diesen Bereich zu professionalisieren absolviert sie ein Aufbaustudium der Journalistik in Mainz. Sie arbeitet auch für den Rundfunk und fürs Fernsehen, aber auch das freiberuflich. Ihr Wunsch nach einer festen Anstellung im Bereich der Pressearbeit scheitert, was Uschi auf diskriminierendes Verhalten alleinerziehenden Müttern gegenüber zurückführt. "Die wussten ja, dass ich ein Kind habe, steht ja im Lebenslauf. So wurde ich gefragt, haben Sie denn genügend Zeit zu arbeiten und das Kind zu versorgen. Wenn ich gesagt hätte, ja, wäre ich eine schlechte Mutter, wenn ich gesagt hätte, nein, das ging ja auch nicht, also, ich habe den Job nicht bekommen. Ich hatte keine wirkliche Chance.“


Aufgrund dieser Erfahrungen und der Notwendigkeit, ausreichend Geld für sich und ihren Sohn zu verdienen, entschied sie sich für einen neuen Berufsweg im damals aufstrebenden EDV-Bereich. Sie lernte Computersprachen und arbeitete einige Zeit als Organisationsprogrammiererin. Darauf folgte eine Anstellung im Bereich der Unternehmensberatung. Ein erneuter Wechsel führte Uschi in die Selbständigkeit, zunächst mit einem kleinen Laden für Geschenkartikel und danach mit einer eigenen Kneipe.


Entscheidungen für oder gegen berufliche Wege traf Uschi gemeinsam mit Peter, den sie 1987 geheiratet hatte, oft auf Reisen, in einer Situation des Abstands vom Alltag.


„Zuletzt habe ich elf Jahre eine Kneipe gemacht und habe in dieser Zeit unglaublich gelernt, Flexibilität, Umgang mit den Angestellten, kurzfristige Planung [...] Bevor ich aufgehört habe, habe ich 16 Stunden am Tag gearbeitet.“

 

DENTA_Frankfurt_Uschi M._photo 2

Nachberufliche Zeit
Dem Übergang in die nachberufliche Zeit schildert Uschi als sehr positiv. 2014 verkauft sie ihre Kneipe und „fängt an zu leben“, wie sie sagt. Peter und sie machen gleich nach dem Verkauf eine Reise nach Andalusien, sie genießt die freie Zeit.


Es wird ihr nicht langweilig, sie hat immer viel zu tun. Peter ist noch einige Jahre berufstätig und oft auf langen Dienstreisen. Uschi beginnt, alleine zu reisen, was ihr großen Spaß macht. Dieses Reisen behält sie in den nächsten Jahren bei. Auch besucht sie einen Französischkurs, entdeckt die Universität des 3. Lebensalters, bearbeitet viele Themen sehr intensiv und ernsthaft. Lernen und sich weiterentwickeln waren für sie immer wichtig. Sie ist froh, dafür endlich genügend Zeit, Ruhe und Gelassenheit zu haben.


Uschi und Peter sind vor einigen Jahren in ein geräumiges Haus gezogen und haben dort auch ein Zimmer als Atelier eingerichtet. Seit dieser Zeit malt Uschi auch. Das Interesse an Formen und Farben hat sie in ihrem Lebenslauf nach und nach entwickelt. Heute hat sie großes Interesse am Malen und Gestalten, und z.B. auch an (Innen)architektur, Mode und ausgefallener Kleidung.


Uschi fühlt sich wohl und gesund. Sie achtet auf ihre Gesundheit, hat mit der Aufgabe der Kneipe aufgehört zu rauchen, achtet auf die Figur, ihr Aussehen ist ihr wichtig. Sie macht jeden Morgen Übungen in ihrem kleinen Fitnessstudio zu Hause. Den Tagesablauf hat sie klar geregelt. Nach dem morgendlichen Training liest sie und bearbeitet Texte, danach folgen ein langer Spaziergang und ein spätes Frühstück. Normalerweise, wenn es keine Einschränkungen durch Corona gibt, besucht sie auch verschiedene Kurse bzw. ist in verschiedenen Gruppen eingebunden, die teilweise über Kursbesuche entstanden sind und sich regelmäßig treffen.


Uschi hat zwei Enkeltöchter, zu denen sie eine gute Beziehung hat, aber möchte keine klassische Großmutter sein, die sich regelmäßig einmal oder zweimal in der Woche um die Enkelkinder kümmert. Sie hilft gern aus, wenn es eine besondere Notsituation gibt, aber sie sieht es nicht als ihre Aufgabe an, ihre Enkelkinder zu betreuen.


Der Kontakt zur Familie ihres Sohnes ist sehr gut. Sie treffen sich regelmäßig einmal in der Woche, kochen und essen zusammen. Während des Corona-Lockdowns hat sie jeden Tag mit Sohn und Schwiegertochter telefoniert und Peter und sie haben täglich eine Rätselaufgabe an die Familie geschickt, die sie selbst entwickelt haben. Das hat Peter und ihr großen Spaß gemacht. Uschi nutzt sehr selbstverständlich Smartphone, Computer und die neuen Medien.


Über ihre aktuelle Lebenssituation sagt Uschi: „Also ich erlebe diese Zeit jetzt mit allen Erfahrungen, die ich gemacht habe, die ich machen konnte in meinem Leben, als eine so große Gelegenheit und Chance, so viel nochmal lernen zu können, sich mit Sachen auseinandersetzen zu können. […] dann natürlich auch die wunderbare Geschichte, dass ich einen spannenden, liebenswerten und großzügigen Menschen habe, mit dem ich zusammenlebe. Da bin ich so dankbar dafür.“


Mit ihrem Vater hat Uschi sich im Laufe der Therapie versöhnen können. Sie ist im Rückblick froh, dass sie ihren Geburtsort verlassen hat. Sie ist überzeugt davon, dass sie sich nur entwickeln konnte, indem sie weggegangen ist, sie nennt diese Entscheidung ein „Riesengeschenk“. Im Vergleich zu den Frauen ihrer Herkunftsfamilie konstatiert sie bei sich selbst viele Entwicklungs- und Bildungsschritte. Sie lebt ihr Leben selbstbewusst, aktiv und weltoffen.


Mit dem Thema Alter beschäftigt sie sich nicht explizit. Alter assoziiert sie eher mit dem kalendarischen Alter von 80 Jahren oder mehr. Sie sagt: „Ich fühle ich mich noch sehr jung; ich ergreife einfach die Gelegenheit, mir viel Wunderschönes zu gönnen, insofern bin ich rundum zufrieden, muss ich wirklich sagen.“


Angesprochen auf Ihre Sicht auf den Umgang mit älteren Menschen sagt Uschi: „Was mich absolut stört ist, wie ältere Menschen in den Altenpflegeheimen behandelt werden. Sie bekommen Medikamente, haben oft keine Möglichkeit, selbstbestimmt etwas zu machen, weil es einfach in den Rahmen nicht passt. Und weil manche mit der Branche Geld machen. Geldverdienen und Gier verhindert, dass die älteren Menschen angemessen behandelt werden. Ich finde, ältere Menschen haben einfach das Recht auf Selbstbestimmung, vor allem auch auf geistige Förderung und auch das Recht auf Sex und ein Leben in Selbstbestimmtheit. Und das ist einfach das, was in den Institutionen nicht gewährleistet ist.“


Wie sie selbst im Falle von Hilfsbedürftigkeit leben wollen, haben Uschi und Peter noch nicht konkret geplant. Klar ist aber, dass das selbstständige Wohnen in ihrem Haus die gewünschte Lebensform ist.


Freiheit und Selbstständigkeit spielten für Uschi in ihrer jetzigen Lebensphase eine sehr wichtige Rolle. Insofern sieht sie die Forcierung von ehrenamtlichem Engagement für Ältere sehr kritisch. „Es werden Programme für ältere Menschen aufgelegt, als ob wir nicht selbst überlegen können, was wir tun und was für uns wichtig ist.“