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Gertrud G.

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by Elisabeth S.

 

 

 

Gertrud wurde 1942 mitten in den Wirren des 2. Weltkrieges in D., Westdeutschland geboren. Die Mutter ist Krankenschwester, der Vater Arzt. Da es der Mutter in Darmstadt nicht gefällt und der Vater in Thüringen eine Stelle als Chefarzt an einer Klinik angeboten bekommt, zieht die Familie bald nach der Geburt in den Osten Deutschlands. Wenig später wird der Vater in den Kriegsdienst eingezogen, wo er im Januar 1945 im Krieg getötet wird. Die Geburt seiner zweiten Tochter, der Schwester von Gertrud, erlebt er nicht mehr, nicht einmal weiß er davon, dass sein zweites Kind unterwegs ist.


Die Familie ist auf sich selbst gestellt, da sie keine Verwandten in der Gegend hat und sie leidet unter den schwierigen Kriegsbedingungen und an Hunger.
Zu ihrer Situation nach dem Ende des Krieges berichtet Gertrud:
„…dann kamen die Russen und dann mussten wir die erste Wohnung verlassen, dann die zweite Wohnung, … und da wir keine Verwandten hatten dort, hat uns auch niemand geholfen mit Lebensmitteln und sowas … also ich war immer am Hungern, rappeldürr, und irgendwann hat meine Mutter gesagt, jetzt reicht‘s! Dann sind wir 1949 schwarz über die Grenze geflohen...“

 

Die Familie schlägt sich durch nach S. in Westdeutschland, wo Gertruds Mutter eine Cousine hat, die dort im Kloster lebt. Von ihr erhoffen sie sich Hilfe und Aufnahme. Aber als sie an der Klosterpforte klingeln, werden sie abgewiesen. Gertrud sagt hierzu:
„Wir haben geklingelt und wir sahen natürlich verdreckt aus und da haben sie uns nicht mehr reingelassen, diese guten Katholiken! Seitdem ist für mich Religion eine Sache, die nur so ein Aushängeschild ist.“

 

Die Mutter ist mit den Kindern zurück in ihr Elternhaus nach D., in dem Haus, wo Gertrud heute wieder wohnt. Sie leben dort zusammen mit den Großeltern, einem Onkel, einem Ehepaar und einem Studenten.

 

In D.  geht Gertrud zur Schule, macht ihr Abitur, beginnt ein Studium und lernt ihren ersten Mann kennen. Sie wird schwanger, wie sie sagt „leider sehr früh“ und geht mit ihm nach Südfrankreich, wo die beiden dann heiraten. Ihr Mann ist doppelt so alt wie sie und Bildhauer. Das Haus, in dem sie wohnen, beschreibt sie als „Steinhaufen“. „…In dem Haus gab es unten keine Türen, da waren die Ställe und oben gab's einen Raum und wenn der Wind wehte, bewegte sich mein Rock. Es gab kein fließendes Wasser, einen kleinen Brunnen … Trinkwasser habe ich beim Nachbarn geholt, das war so 200 m entfernt. Das war so 1964/65.“

 

Als ihr Sohn in die Schule kommt, sagt sie sich: „Ich kann Deutschunterricht geben…“.  Aber ihr Mann ist gegen eine Berufstätigkeit seiner Frau. Gertrud sagt: „Ich saß den ganzen Tag da, da habe ich angefangen umzubauen. Ich habe dann alle die Mauern eingerissen, ich habe Mauern aufgebaut und habe meine Hände entdeckt, was ich vorher gar nicht konnte, also ich wurde relativ geschickt … das hat alles seine Vor- und Nachteile.“

 

Kurz darauf trennt sie sich von ihrem Mann und kehrt mit ihrem Sohn nach Deutschland zurück. Sie findet eine eigene Wohnung. Ein neuer Mann tritt in ihr Leben. Sie heiratet ein zweites Mal. Sie sagt dazu: „Das war eigentlich am Anfang eine ganz gute Beziehung, er war zwar bisschen machohaft, aber da war ich ja dran gewöhnt. Ich habe mir ganz schnell Arbeit besorgt.“ 35 Jahre lang wird sie in dieser Arbeitsstelle im Verlag arbeiten.
Sie arbeitet bis zur Geburt ihres zweiten Kindes einen halben Tag im Büro und einen halben Tag von zu Hause aus.
Das zweite Kind habe sie fast alleine großgezogen und fast nur noch von zu Hause gearbeitet.  Auch die zweite Ehe scheitert.
Der 2. Mann habe nicht sehr zum Lebensunterhalt beigetragen. Er habe zwar unbedingt ein Kind gewollt, aber sich kaum um die Erziehung gekümmert und wenig zum Lebensunterhalt beigetragen. Irgendwann habe er sie auch geschlagen; als die Ehe zerrüttet ist, beantragt sie die Scheidung. Sie sagt:
„Also gut, ich bin gestärkt aus allem hervor, weil ich hab's überlebt, aber es war heftig! Die Kinder beide noch klein…“
Aber danach sagt sie …“begann das freie Leben! Ich habe dann gearbeitet, habe diese halbe Stelle gehabt, habe immer noch nebenher Änderungen geschneidert … weil das mit dem Verlagsgehalt, das hätte ich gar nicht hingekriegt“…

 

Mit den Kindern und der Arbeit sei sie den ganzen Tag beschäftigt gewesen, habe sich aber auch ein soziales Umfeld geschaffen, weil sie den Austausch mit Erwachsenen brauchte.
Beide Söhne wurden erwachsen und haben gute Berufe erlernt. Sie sagt: „…und sie waren mir auch immer das Wichtigste, ja das Wichtigste!“

 

1995 verstirbt ihr Onkel, der Bruder des Vaters, zu dem sie einen guten Kontakt hatte. Der Onkel vermacht ihr das ehemalige Haus der Großeltern. Es habe viel zu tun gegeben in diesem Haus. Der Onkel habe nichts wegwerfen können und sie habe gemeinsam mit Freundinnen ein halbes Jahr lang das Haus leergeräumt. Sie sagt:
„Es war gut, dass ich das leer machen musste, denn dabei sind viele Ideen gekommen, dass hier die Wand weg muss… so nach und nach ist alles gewachsen, dabei habe ich unglaubliche Fähigkeiten entwickelt!“

 

Heute lebt Gertrud alleine in diesem Häuschen und hat eine Untermieterin.  Sie komme finanziell gut über die Runden, sagt sie und fügt hinzu „… Das ist einfach nur eine Einstellungssache. Ich krieg keine hohe Rente aber ich habe alles abbezahlt, wie ich das hingekriegt hab, weiß ich gar nicht, aber ich hab's gemacht!“
Als Jugendliche sei von „Kämpfernatur“ bei ihr keine Spur gewesen, sie sei eher schüchtern gewesen. Sie fügt hinzu „…aber halt mit dem eigenen Willen…das war hilfreich!“

 

Über ihren jetzigen Tagesablauf berichtet sie:
„Also die ganze Zeit hatte ich ja die Katze, ich hoffe, die kriege ich wieder! Sie miaut morgens, hat Hunger, dann gehe ich runter mit ihr, dann kriegt sie Futter, ich mach mir ein Müsli und einen Milchkaffee, hole die Zeitung rein und gehe wieder ins Bett. .. mache das Radio an, mache jeden Morgen eine halbe Stunde Gymnastik … dann fängt der Tag an!“
Vor Corona sei sie abends sehr viel weggegangen, ins Kino, ins Theater, in Konzerte, aber das sei momentan alles ein bisschen schwierig. Sie hat Freundinnen und Freunde, mit denen sie viel unternimmt. Auch Theater habe sie gespielt. Und weiter berichtet sie: „Wir haben ganz viele Städtereisen gemacht und alles Mögliche angeguckt…War toll und interessant! … Und jetzt im Moment habe ich das Gefühl, ich werde alt!“

 

Gut sei es im Alter, wenn man aktiv bleibt, „die Falten kommen, da kannst du nix machen!“ Vor ihrem Bänderriss habe sie sich sehr viel bewegt, aber jetzt sei ihr immer so schwindelig.
Gertrud ist aktuell im Ehrenamt in der Stadtkirche bei Kulturveranstaltungen und in einem Migrantinnenkreis aktiv.
Das Radio laufe bei ihr als Begleitung, im Fernsehen interessierten sie die Nachrichten und Kultursendungen, die Krimis aber gefielen ihr überhaupt nicht.
Ein Handy habe sie und Computer sei für sie selbstverständlich. „Im Computer muss ich ja gewisse Sachen suchen und finden und mich ein bisschen informieren, aber ich bin nicht so ein arger Computer Freak.“
Mit ihren Kindern und Enkeln habe sie guten Kontakt, aber sie wohnten weit weg.

 

Wichtig im Leben ist ihr ehrlich zu leben und nicht dem Konsum zu verfallen. Hierzu sagt sie: „Ich hasse es, wenn Leute den Kleiderschrank voll haben und dann immer noch kaufen und kaufen und kaufen.“
Altersarmut sei heutzutage vielfach eine Realität, aber weil sie das Haus habe und keine Miete zahlen müsse, sei sie davon nicht betroffen. Sie meint: „Außerdem habe ich so als Kind gehungert, in Frankreich nichts zu essen gehabt, also ich bin eigentlich dran gewöhnt und ich habe das Gefühl ich kann hier jetzt im Luxus leben. Das ist kein Luxus, aber für mich ist es genau passend, ich möchte keine goldene Küche haben.“
Dass die Politik sich heute mehr um Alte kümmere, hält sie für ein Gerücht. Schwierig sei besonders die Situation, wenn Menschen nicht mehr zu Hause leben können.
Ihr eigenes Leben unterscheide sich sehr vom Leben ihrer Mutter. Aber ihrer Großmutter fühlt sie sich noch heute verbunden. Mit den Großeltern habe sie sich gut verstanden und sie habe ihr heutiges Sofa dahingestellt, wo sie früher mit ihren Großeltern im Haus gesessen habe. Was sie mit ihrer Großmutter nicht teile, sei „dass sie (die Großmutter) ihren Mann so im Griff gehabt hat. Sie hat immer, wenn sie was durchsetzen wollte, gesagt: Heinrich, Heinrich, wär doch schön, wenn…“

 

Abschließend sagt Gertrud:
„Ich hatte ein interessantes, aber schwieriges Leben, ich habe es gemeistert und bin da auch ein bisschen stolz drauf. Aber heutzutage wäre ich froh, es würde jemand Nettes mit mir hier zusammenwohnen, nicht als Partner, es könnte auch eine Frau sein… weil ich immer alleine bin, wenn ich mich mit jemand unterhalten will, muss ich entweder telefonieren oder irgendwo raus oder jemanden sagen: Hör mal, Lust mit ins Theater zu gehen, hast du Lust, mit mir einen Kaffee zu trinken oder so und das ist mir manchmal zu viel, das ist mir mühsam!
Im Prinzip bin ich immer noch mit meinem Leben relativ zufrieden, es war nicht langweilig und ich hab's geschafft“…