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Paolo V.

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von Bertram W.

 

in seiner Wohnung in Neu-Ulm

Paolo V. ist 1939 in Sassari, Sardinien, Italien, geboren. Mit 21 Jahren ging er als „Gastarbeiter“ nach Deutschland , landete in Ulm und ist dort heimisch geworden, ohne je seine Bindung zu seiner Heimat zu verlieren. Er heirate mit 23 eine deutsche Frau, mit der er 56 Jahre glücklich verheiratet war, bevor sie vor zwei Jahren plötzlich an einer unheilbaten Krankheit starb. Mit ihr hat er zwei Töchter, die mit ihren Familien in Ulm leben. Neben einem harten Arbeitsleben und großem Engagement in der Gewerkschaft hat er über Jahrzehnte in seiner Freizeit mit verschiedenen Musikgruppen viele Tanzabende animiert. Nach seiner Pensionierung mit 60 hat er dieses Hobby fortgesetzt ebenso wie die Gartenarbeit, die ihm sehr am Herzen liegt. Jetzt wird das Leben ruhiger, aber er ist immer in Kontakt mit Menschen, das ist ihm wichtig, ob in Ulm/Neu-Ulm oder in Sardinien.

 

Paolo, in deiner Wohnung sehen wir viele Spuren von Sardinien, Fotos, Gegenstände, wie sehr bist du Sardinien verbunden?

Ich bin in Sardinien geboren und habe dort bis zu meinem 21. Lebensjahr gelebt. Ich habe bis zum 14. Lebensjahr die Elementarschule besucht, mehr war in dem kleinen Ort, wo ich groß geworden bin, Sindia, nicht möglich. Dann bin ich ohne Ausbildung in den Beruf eingestiegen, auch das war bei uns damals üblich, und habe als Maurer, später auch als Schreiner und Schlosser gearbeitet, ich habe  dort die ersten 5 Jahre meiner Sozialabgaben eingezahlt. Diese Jahre haben mich sehr geprägt, auch in meiner politischen Einstellung. Mein Vater hatte ein großes Stück Land betrieben, v.a. Weinbau, und das mache ich heute weiter. Bis heute habe ich in Sindia viele Verwandten und Freunde. Ich bin ab Mitte April über die Sommermonate immer dort, im Spätherbst und Winter dann in Deutschland.

 

Wie bist du denn überhaupt nach Deutschland gekommen?

Ein Verwandter von mir war bei der Verwaltung in Sindia tätig und sagte mir eines Tages, das war Ende der 50ger Jahre, dass die Deutschen Arbeitskräfte, Gastarbeiter, aus Italien suchten, das Angebot hörte sich finanziell interessant an, da habe ich mich mit zwei Freunden zum Einsatz gemeldet. Nach zwei Wochen kam die Zusage, dann ging es ziemlich schnell los. Erst nach Verona, wo wir tagelang ärztlich untersucht wurden, war nicht schön, dann weiter mit dem Zug nach Ulm, wo ich bei der Pflugfirma Eberhardt zu einer Arbeitsstelle zugeordnet worden war. Wir wurden mit dem Traktor am Bahnhof abgeholt und fingen am nächsten Tag gleich an zu arbeiten, ziemlich schwere körperliche Arbeit. Es war übrigens nach unserem Empfinden, obwohl Mai, eiskalt, das hatten wir nicht erwartet. Wir arbeiteten im Akkord, aber wir verdienten 300 bis 350 DM, das war für uns gute Bezahlung. Von der Firma wurden wir auf dem Werksgelände in einem großen Zimmer mit Stockbetten untergebracht, 13 Italiener und 1 Deutscher. Das Zimmer war im 5.Stockwerk, und von dort schauten wir direkt auf das Fußballstadion, das war unser erster Kontakt mit der neuen Umwelt. Allerdings konnte ich nach 4 Monaten schon zu einem Landsmann nach Wiblingen ziehen, wir konnten uns die Unterhaltskosten teilen,  das war schon besser. Ich konnte kein Wort Deutsch, aber ich habe mich von Anfang an bemüht, Deutsch zu lernen. Ich habe mir ein Buch gekauft und überall, wo ich war, gelernt. Da ich gerne tanze, ging ich am Wochenende aus, das hat mir das Einleben auch sehr erleichtert, da habe ich viele nette Leute kennengelernt.

 

Wolltest du dann nicht nach Sardinien zurück?

Nein, ich hatte mich gut eingelebt, einen guten Job in einer anderen Firma bekommen. Dann habe meine spätere Frau kennengelernt, über sie dann auch in einem Lebensmittelkonzern einen Job als LKW-Fahrer gefunden, wo ich bis 1999 gearbeitet habe, das lief alles rund. Ich bin ein politischer Mensch, ich habe mich während meiner Berufszeit gewerkschaftlich stark engagiert und verschiedene wichtige Positionen eingenommen. Ich habe immer viel Musik und Gartenarbeit gemacht. Außerdem habe ich in den Räumen der Katholischen Mission in Neu-Ulm die Terza Media nachgeholt, den mittleren Schulabschluss, den ich in Sardinen damals nicht machen konnte, mit Deutsch als Fremdsprache. Das war ein Angebot des italienischen Konsulats. Meine Frau liebte auch Sardinien, so sind wir mit unseren beiden Mädchen immer in den Sommerferien in meine alte Heimat gefahren und haben die Familie besucht. So konnte ich auch Kontakte, die mir wichtig waren, aufrechterhalten. Langweilig war es mir nie!

 

Kannst du noch mal ein bisschen mehr über deine Hobbies erzählen?

Ich habe immer in meinem Leben Musik gemacht. Die Liebe zur Folklore Musik habe ich aus Sardinien mitgebracht. Gitarre konnte ich spielen, das habe ich mir selber beigebracht, für das Keyboard habe ich in Deutschland Unterricht genommen, aber ich habe mir viel selbst beigebracht. Ich habe Gitarre gespielt und gesungen, in verschiedenen Gruppen, wir haben Tanzmusik gemacht, ich bin auch Alleinunterhalter gewesen. Das ging bis zu meinem 72. Lebensjahr. Leider kann ich jetzt mit meinen zitternden Händen nicht mehr Gitarre spielen und auch nicht mehr singen. Aber am Keyboard spiele ich heute noch, in der Wohnung mit Kopfhörer, so dass ich niemanden störe.    

Als zweite große Leidenschaft habe ich meine Gärten, hier wie auch in Sardinien. In Neu-Ulm hatte ich über lange Zeit verschiedene Schrebergärten, in den letzten Jahren bin ich bei jemanden mit drin, ich helfe ihm, weil er nicht so viel Zeit hat. In Sardinien habe ich von meiner Familie ein großes Grundstück, dort baue ich vor allem Wein an, aber auch Gemüse.

 

Wie hat sich dein Leben verändert, als du pensioniert wurdest?

Ich wurde mit 60 Jahren nach 45 Arbeitsjahren, wo ich in das Rentensystem eingezahlt hatte, pensioniert. Meine Frau und ich entschlossen uns, ein Leben in beiden Heimaten zu führen. Wir kauften uns in Neu-Ulm eine kleine Eigentumswohnung und renovierten in Sindia das Haus meiner Eltern. Das hat prima funktioniert. Musik und die Gartenarbeit, dafür hatte ich nun viel Zeit. Leider ist meine Frau vor zwei Jahren ziemlich schnell an einer bösartigen Krankheit gestorben, und nun muss ich den Alltag alleine bewältigen, im Sommer in Sardinien, im Winter hier.

 

Nutzt du die neuen Medien?

Ich habe ein Smartphone und einen Laptop, ich benutze Whatsapp, ich lese viel im Internet, schreibe alles am Computer, schon, weil die zitternden Hände nicht mehr zum Schreiben taugen. Ich habe das schon früh gelernt, mit Freunden oder auch über Anleitungen oder durch Ausprobieren.

 

Viele deiner Landsleute gehen im Alter in ihre Heimat zurück, ist das auch in deinem Kopf?

Ich bin gerne dort, solange es mir gut geht, aber wenn ich dann mal gebrechlich bin, möchte ich nicht dort „eingeparkt“ werden. Dann bin ich lieber in Deutschland, da ist alles anonymer, niemand kennt mich, wie ich einmal war. In Sindia will ich als „fitter“ Paolo im Gedächtnis der Menschen bleiben.

 

Wie stellst du dir deine Zukunft vor?

So lange es geht, so weitermachen. Musik, Gartenarbeit, mit Freunden zusammen sein, das bedeutet mir viel. Ich höre viel Musik, mache auch selbst noch ein bisschen Musik für mich. Ich habe zwei Freunde, einen aus dem Irak, einen aus Algerien, mit ihnen und ihren Frauen koche ich gerne, in Sindia ist es vor allem der Garten

Wenn es nicht mehr alleine geht, werde ich in ein Altersheim gehen. Meine eine Tochter hat mir angeboten, zu ihnen zu ziehen, sie haben Platz, aber ich möchte auf niemand familiär angewiesen sein, mir ist meine Freiheit wichtig.

 

Wo möchtest du denn mal beerdigt werden?

Ich hatte mit meiner Frau darüber gesprochen, es war uns egal. Aber jetzt, wo sie in Ulm begraben ist, möchte ich auch hier begraben sein.

 

Wenn du zurückblickst, was war schön in deinem Leben?

In der Jugend in Sardinien gab es keine so große Freiheit, wie die Jugend es heute hat, aber das Gemeinschaftsgefühl war sehr viel stärker. Es gab natürlich auch nicht so viel Ablenkung, aber in der Familie hielt man schon stark zusammen.

 

Hast du dir, als du jung warst, vorstellen können, eine Deutsche zu heiraten?

Ja, aber auch eine Frau mit ganz anderem Nationalitätshintergrund. Ich bin von Natur aus und aus Überzeugung „Internationalist“

 

Welches Motto möchtest du deinen Enkelkindern mitgeben?

Werdet mit 2 Kulturen groß. Wichtig ist, Offenheit für anderes und andere zu entwickeln und zu pflegen, auf die Geschichte schauen und daraus auch lernen, dass nicht alles schon so war, wie es jetzt ist, dass Frieden in Europa nicht selbstverständlich ist. Ich bin gegen jede Art von Fanatismus.

 

Wenn du Gott treffen würdest, was würdest du ihm sagen?

Paolo antwortet spontan „Lieber Gott. Mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm“. Lacht dann und sagt: das habe ich als Kind so gelernt, nein eher: Gott, Du hast dich versteckt. Da muss man schon selbst was machen!