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Hanne K.

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von Friderici U.

 

 

Ich finde es sinnvoll, mich für unsere „eine“ Welt zu engagieren!

 

Ich finde es sinnvoll, mich für unsere „eine“ Welt zu engagieren!

Im Weltladen, beim Verkauf von fair trade gehandelten Produkten

Hanne K., geboren am 13.09.1949 in Markgröningen ( bei Stuttgart ), drei Brüder, nach dem Medizinstudium Heirat, fünf Kinder, drei Enkelkinder, Mitbegründerin „Frauen helfen Frauen“, Ulmer Frauenhaus, verschiedenen Ehrenämter: Weltladen, Flüchtlingsarbeit, Hausaufgaben Betreuung für ausländische Kinder


Wir sitzen in dem großen gemütlichen Wohnzimmer in ihrem Haus auf dem Kuhberg mit Blick auf den Garten, ihrem Erholungsort. Sie kommt gerade von der Frauenakademie, natürlich mit der Straßenbahn, das Auto ist schon längst abgeschafft. „Ja, unser Haus ist viel zu groß, sollen wir eine AltenWG daraus machen?“ Aber noch kommen die Kinder und Enkelkinder oft zu Besuch.

 

U.: Du bist 70 Jahre alt. Was bedeutet für dich Ruhestand?
Interviewpartnerin (IP): Für mich als Hausfrau hat sich eigentlich gar nicht viel verändert im Laufe der Jahre. Höchstens, dass mein Ehemann jetzt seit sechs Jahren, seit seinem Ruhestand eben, zu Hause ist. Aber ansonsten ist eigentlich alles weitergelaufen, was ich so für mich mache oder gemacht habe.

 

U.: Was hast du denn bisher gemacht?
IP: Ich war Hausfrau, habe meine fünf Kinder großgezogen und habe mich dann, so wie ich Zeit hatte, im Kindergarten und auch in der Schule engagiert.. Vor 25 Jahren fing ich an, im Weltladen mitzuarbeiten. 2011 zog in ein leeres Zimmer von uns ein syrischer Student ein, der mit Familienanschluss bei uns sein konnte. Dann fing der Krieg in Syrien an und wir haben hautnah miterlebt, wie sein Bruder geflüchtet ist. Danach noch der Vater, die Mutter und der Sohn. Sie kamen alle nach Ulm und ich habe mich in einer Flüchtlingsgruppe der Kirchengemeinden hier am Kuhberg engagiert. Wir waren da sehr aktiv und haben alles Mögliche für die Flüchtlinge organisiert.

 

U.: Das Ehrenamt spielt für Dich eine große Rolle. Wie hat sich das eigentlich entwickelt?
IP: Ich war schon als Studentin im Ulmer Frauenzentrum engagiert. Dort haben wir angefangen, misshandelte und geschlagene Frauen zu betreuen. Es gab offene Sprechstunden, zu denen die Frauen kommen konnten und wir haben dann versucht, ihnen Wohnmöglichkeiten  zu vermitteln und sie bei Ämtergängen zu begleiten. Wir haben dann den Verein „Frauen helfen Frauen“ gegründet und versucht, eine Wohnung zu finden. Wir haben sozusagen das erste Ulmer Frauenhaus gegründet und am Anfang ohne hauptamtlichen Mitarbeiterinnen dort gearbeitet. Das war mein erstes Ehrenamt. Irgendwann waren wir dann froh, dass wir das in hauptamtliche Hände legen konnten.
 
U.: Was gibt dir das?
IP: Ich möchte einfach irgendetwas Sinnvolles in meinem Leben machen und dazu beitragen, dass unser Zusammenleben friedlicher verläuft. Meine Kinder sind alle außer Haus. Sie sind in anderen Städten, studieren, arbeiten, brauchen mich nicht mehr so dringend. Mein Mann ist immer unterwegs. Deshalb wollte ich etwas Sinnvolles für mich machen.

 

U.: Was denkst Du, woher kommt Deine Lebenseinstellung?
IP: Ich bin in einer Pfarrersfamilie groß geworden. Bei uns waren unheimlich viele internationale Gäste zu Besuch. Einmal wohnte ein afrikanischer Medizinstudent wochenlang bei uns. Von klein auf fand ich es faszinierend, die verschiedenen Kulturen und Menschen aus der ganzen Welt kennenzulernen. Es war mir immer wichtig, selbst später einmal ein gastfreundliches Haus zu haben. Durch meine Eltern habe ich mitbekommen, dass man sich um Leute kümmern sollte, denen es nicht so gut geht. Und auch, dass materieller Luxus nicht wichtig ist. Andere Dinge wie Kontakte, Reisen und Kultur waren wichtiger

 

U.: Du reist gerne?
IP: Ich bin früher, bevor ich meinen Mann kennengelernt und die Kinder bekommen habe, sehr viel gereist und habe sehr viel gesehen. Als dann die Kinder kamen, war es mir dann gar nicht mehr so wichtig, weit wegzufahren und das Fliegen ist mir aus umweltpolitischen Gründen unangenehm. Ab und zu machen wir eine organisierte Reise. Letzten Herbst waren wir beispielsweise eine Woche im Baltikum, davor sind wir eine Woche durch Polen gereist mit dem Bus. Ich bin auch nicht gerne lange von zu Hause weg. Ich denke immer, ich muss hier etwas Sinnvolles tun und nicht nur irgendwo Urlaub machen.

 

U.: Wie ist denn deine Verbindung zu Europa und speziell zu Osteuropa?
IP: Europa als Idee finde ich grandios und total wichtig, wenn ich daran denke, wie viele Kriege es früher gab und jetzt ist schon so lange Frieden. Ich finde es auch ganz spannend, ohne Grenzkontrollen in die verschiedenen Länder zu fahren. In den westeuropäischen Ländern war ich natürlich schon häufiger, Osteuropa möchte ich unbedingt noch  mehr kennenlernen. In Rumänien war ich einmal vor vielen Jahren im Urlaub. Da war ich 20 und war zwei Wochen dort mit Neckermann an irgendeinem Badestrand mit einer Freundin, das war grandios! Damals war alles noch sehr gefährlich und spannend. Ich finde es auch toll, dass man mit dem Zug überall hinfahren kann. Irgendwann wollen wir mal mit dem Zug nach Budapest oder Bukarest fahren.

 

U.: Hat sich im Alter etwas in deinen Aktivitäten verändert?
IP: Ich merke natürlich, dass ich nicht mehr so fit bin. Ich habe diverse gesundheitliche  Probleme, ich sehe nicht mehr gut. Durch meine Augenprobleme kann ich nicht mehr Autofahren. Das heißt, ich bin schon etwas eingeschränkt. Auch im Weltladen an der Computerkasse, mit der Technik und den neuen Medien. Das ist ein bisschen anstrengend für mich. Da bin ich jetzt eher in der zweiten Reihe und ziehe mich ein bisschen zurück.

 

U.: Apropos Medien: Welche Rolle spielen die denn in deinem Alltag?
IP: Ich habe immer mein Smartphone dabei und bin mit meinen Kindern in Kontakt, mit meinen ganzen Freundinnen und in verschiedenen Gruppen. Ab und zu schaue ich etwas bei Google nach, schicke Emails weg. Der Laptop ist mir schon ein bisschen zu umständlich. Da bin ich sehr eingeschränkt und auch nicht so begeistert davon, das noch alles zu lernen.

 

U.: Und beruflich?
IP: Ich habe eine etwas komplizierte Berufsvita. Ich habe eine Krankenschwestern-ausbildung gemacht. Dann kam ich auf die Idee, eine Erzieherinnen-Ausbildung zu machen und habe dann eine ganze Weile im Kindergarten gearbeitet. Es ging damals eine Beziehung kaputt und ich dachte mir, jetzt fang ich nochmal etwas ganz Neues in meinem Leben an. So habe dann mit 28 noch angefangen, Medizin zu studieren. Allerdings wollte ich eben immer eine Familie und Kinder haben und fand dann den passenden Partner. So habe ich gegen Ende des Studiums schon zwei Kinder gehabt und dann war der Studienabschluss sehr anstrengend. Ich habe alles fertiggemacht, ich bin Ärztin. Aber nach dem Abschluss war ich erst einmal zu Hause, weil ich nervlich sehr belastet war. Dann kam das dritte Kind, das vierte und das fünfte und dann habe ich den Einstieg in die Berufstätigkeit als Ärztin nicht mehr geschafft. Hin und wieder habe ich es bedauert, wenn ich meine ganzen Freundinnen gesehen habe, die gearbeitet haben. Die haben wiederum mich beneidet, dass ich zu Hause war bei den Kindern und überhaupt Kinder hatte, denn bei Vielen von ihnen hat es nicht geklappt. Allerdings wollte ich eben auch außerhalb des Hauses noch irgendetwas mit Anderen zusammen machen und nicht nur Hausfrau sein. Das war mir immer ein Anliegen.

 

U.: Was machst du denn heute für dich selbst?
IP: Ich gebe mir Mühe, ein bisschen Sport zu machen, weil ich weiß, dass es sehr wichtig ist, auch wenn es mir keinen großen Spaß macht. Es macht mir Spaß, in unserem Garten zu arbeiten und dort ernten zu können. Zu sehen, wie die Sachen wachsen und sie dann hinterher verarbeiten. Ich koche unendlich viel Marmelade und freue mich, wenn ich sie verschenken kann. Ich lese auch sehr gerne, gehe gerne ins Kino, freue mich, wenn ich Freundinnen treffe und wir irgendetwas zusammen machen. Natürlich freue ich mich über meine Familie, ich habe drei Enkelkinder und genieße das sehr. Ich besuche schon lange die Frauenakademie der VH Ulm. Der Austausch mit den anderen Frauen gibt mir viele neue Anregungen.

 

U.: Was würdest du denn den Jüngeren mit auf den Weg geben?
IP: Dass sie immer neugierig und offen bleiben gegenüber anderen Menschen und Kulturen und nicht mit einer Art Arroganz auf die anderen schauen oder sich ihnen überlegen fühlen. Und dass sie sich um die Menschen und ihre Umwelt kümmern sollen. Wir haben nur diese eine Welt!