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Dorothee W.

Mrs. D.

by Elisabeth S.

 

Kindheit und Jugend
D. ist 1935 als älteste von 4 Schwestern in Bitterfeld geboren. Der Vater arbeitete bei der IG Farben. Die Großmutter väterlicherseits lebte in Düsseldorf, die Großeltern mütterlicherseits in Südhessen an der Bergstraße. Sie erinnert sich, dass sie gemeinsam mit den Eltern in den ersten Lebensjahren die Großeltern häufig besuchten, später,  während des Krieges, waren keine Besuche mehr möglich.


Der Krieg hat sie „nicht besonders tangiert, nur am Ende gab es ein bisschen Lebensmittelknappheit. Wir mussten uns auch in den Bunker begeben, aber wir gingen ziemlich locker damit um...wir hatten kein Gefühl von großer Not. Man hat einfach nicht darüber nachgedacht, was passiert ist“...Hier erlebte sie ihre Grundschulzeit und das erste Jahr im Gymnasium....

 

„1945 wurde der Vater von den Russen inhaftiert, deshalb wurde ich nach Düsseldorf geschickt... Ich wurde von einer Freundin der Familie abgeholt...und wurde über die russische Grenze gebracht von einem Führer, den man gut bezahlen musste. Es ging über die russische Grenze nach Friedland, von dort ins Ruhrgebiet...Man ist einfach nicht gefragt worden, wie es geht. Ich habe da aber auch gelernt mich zu behaupten...
Meine Großmutter war eine andere Generation und ich wollte nicht vorgeschrieben bekommen, was ich z.B. anziehen soll. Das war auch keine Liebe, sie war zwar lieb, aber wenn man so zwangsversetzt wird, dann ist das schwer. Dann hab ich mich auf mich konzentriert und ich habe sehr viel gelesen, …. ich bin schwimmen gegangen, ich bin spazieren gegangen ... durch Ruinen....Mir war wichtig, immer das zu tun, was mit mir übereinstimmt, das hab ich schon sehr, sehr früh gelernt. Ich hab mir all das genommen, was ich brauchte. Es gab ja keine Familie, nur mich und die Großmutter.... Meine Rettung war, das ich alles gar nicht an mich rangelassen habe. Ich habe zwei Leihbibliotheken ausgelesen, ich habe Radio gehört zum ersten Mal klassische Musik, nein, früher, mein Vater spielte Geige. Ich hörte Chor Musik ....


Nach eineinhalb Jahren in Düsseldorf bin ich nach Südhessen zur Familie meiner Mutter. Die Mutter kam später nach mit der Schwester, mit der Kleinen. In Bensheim bin ich zur Schule gegangen (Gymnasium) ich war gut in Englisch. ...Ich habe kein Abi gemacht, habe die Schule nach der zehnten Klasse verlassen, weil ich sie absolut unergiebig fand...
Die Familie meinte, ich müsste irgendetwas lernen, darum haben sie mich in eine kaufmännische Berufsschule nach Darmstadt geschickt, wo ausgezeichnete Lehrer waren, das war sehr gut für mich...


Dann bin ich nach England, habe da im Haushalt mitgearbeitet, es war ein guesthouse und das war eine tolle Zeit! Ich war in Oxford am University College und an der Royal Academy. Man kriegte nicht viel Geld, ich war immer in Museen unterwegs, in Konzerten, habe unheimlich viele Veranstaltungen besucht, tolle Sachen gemacht. Diese Interessen, die stecken einfach in mir drin, da kann ich gar nichts machen...In England hast du schon sehr gemerkt, dass da ein Krieg war und da wurden die Deutschen auch schief angesehen, aber wir haben uns in England sehr, sehr gut vertragen. Die Gasteltern waren sehr nett und haben mir viel Zeit gegeben für die Schule... Am Ende haben wir eine große Radtour gemacht noch mit einer Freundin nach Wales, nach Dartmoor und nach Cornwall ".
Nach einem Jahr in England hat sie dann noch ein halbes Jahr in Schweden in einer Familie gelebt. „Als ich zurückkam, bin ich in die Berlitz School nach Frankfurt gefahren. Meine Familie meinte, ich müsste Geld verdienen und meine Mutter hatte gar keine Meinung oder wenig, die hatte hauptsächlich Migräne, die entfiel eigentlich sehr weitgehend....


Von meinen Großeltern hat auch nie jemand gesagt:" Was kannst du? Was gibt es? Es gab auch noch nicht so viel, aber es hätte mehr gegeben, als ich wusste oder die wussten... außerdem waren die auch mit dem Leben nach dem Krieg beschäftigt. Wir liefen einfach so mit und es ging uns auch durchaus gut da, sogar sehr gut. Wir hatten riesige Gärten und unseren Wald ... unser Spielplatz war das Schloss und so... das war toll. Wir haben im Sanatorium gelebt und dann später in einem kleinen Haus, das wurde mit Teppichen bezahlt.“


Berufsjahre
„Die Rente meiner Mutter kam sehr spät und deshalb war es mein Antrieb, weg von zu Hause und kein Geld mehr kosten, das war die Hauptsache...
In Darmstadt bei der Firma W. hatte ich eine Hilfsstelle. Das war ein Laden für Vorhänge, Teppiche und Stoffe und da habe ich sehr schöne Materialien, sehr gute Materialien, schöne Stoffe kennen gelernt, so dass ich anfing zu fragen:" Kann man dort arbeiten in der Firma,.. wo die Stoffe herkommen?".Durch Vermittlung einer Designerin kam ich nach Herrenberg zu der Firma "Stuttgarter Gardinen“. Weil ich keine Vorkenntnisse hatte, zwar gerne zeichnete aber sonst nichts hatte, hab ich in der Musterabteilung gearbeitet... ich wollte dahin, weil die so schöne Sachen machten, also wirklich tolle Stoffe. Sehr gerne hätte ich Stoffe entworfen, aber da kam ich nicht hin, weil mir jede Ausbildung fehlte....
Ich lernte auch in dieser Zeit mich durchzusetzen. In Erinnerung geblieben mir ist ein sehr unfreundlicher Mann, der fand es völlig überflüssig, dass ich da in dieser Firma arbeitete und dass da eine junge Frau eingesetzt war, das war ein Stück Arbeit. Aber wir haben es hingekriegt, dass wir uns vertragen haben, nachher lief das prima...


Ich hatte aber viele Freunde da. ... dann wusste ich, dass es so etwas wie Wohnberatungen gibt und ich hatte schon im Darmstädter Laden gemerkt, dass das mein Fach ist, Leute in Einrichtungsfragen zu beraten... jedenfalls bin ich als Quereinsteiger in die Akademie (für Architektur) gegangen und hab zwei Jahre Innenarchitektur mitgemacht, ohne schreinern zu können, also ich durfte Sachen anders machen, …und während dieser Zeit wurde ich von der dortigen Wohnberatung Stuttgart praktisch abgeworben....Die Wohnberatung Stuttgart war im Designzentrum, also das waren tolle Zeiten damals....Alle Designer und Architekten usw. kriegte ich mit, diese ganzen Ideen und neben meiner Chefin hab ich sehr selbstständig gearbeitet, das hat mir sehr gelegen! Das war wirklich eine Arbeit, die sehr gut war."


An den Wohnberatungseinrichtungen waren der Deutsche Werkbund, Stadt und Land beteiligt.Diese Einrichtungen gab es in den 50er bis Mitte 60er Jahren ,“...sozusagen, um dem Mangel an Geschmack gegenzusteuern....Die Leute hatten keine Ahnung von Küchenplanung zum Beispiel. Da stand in der Mitte immer der Tisch, um den man rumlaufen musste. ..ansonsten gab es sehr viele Neubauplanungen, ...  wir haben viele Ausstellungen gemacht, Küchenräume geplant, viele Planungen umgekippt und Musterhäuser eingerichtet, ...


Nach 5 Jahren hieß es dann, dass die Münchner jemanden suchen und dann bin ich nach München, weil München ist natürlich noch mal was anderes als Stuttgart. 1962 war das."
Sie war nie so verwurzelt, dass es sie davon abgehalten hätte, sich weiterzuentwickeln. „Ich hatte in Herrenberg eine heftige Liebe, aber leider hat der Mann sich einer anderen Dame zugewandt und dann war auch gar nichts mehr...


München war wirklich sehr gut, nach einer Weile hatte ich die Leitung, weil die Chefin weg ging,  insgesamt war ich sechs Jahre in München. Es waren sehr schöne Beratungen und das Büro hatte eine tolle Lage in Schwabing. Ich hab mich dann auch noch mal beworben, ... hätte da noch Innenarchitektur studieren können, hab’s dann gelassen, weil ich nicht wusste, wie ich das finanzieren könnte. Vielleicht war das doof, vielleicht nicht, ich weiß es nicht.
Ich hab aufgehört, weil ich Herrn W. kennen lernte und wieder hierher nach D. gezogen bin."


Ehe und Familienzeit
„Dann zurück in Darmstadt, die Umstellung war wirklich hart! Dann waren das 20 Jahre in D. (Familie), wir haben ein Haus gekauft, das war ein gutes Stück Arbeit für mich, weil ich die Renovierung gemacht habe....Ich hab beruflich nicht mehr gearbeitet....Außerdem wollte Herr W. nicht, dass ich arbeite und Männer dürfen ja bis in die siebziger Jahre entscheiden, ob Frauen arbeiten...Ich hatte zwei Kinder, war in der VHS und hab auch nach der Scheidung weiter an der VHS Kurse (Inneneinrichtung, später Zeichenkurse) gegeben. … Ich habe ja an der Uni Zeichnen gelernt und hab fast 30 Jahre Akt gezeichnet...Noch während der Ehe habe ich 2-3 Semester Grafik studieren dürfen, aber das hat er dann nicht mehr gewollt....Meine Interessen habe ich immer weiter verfolgt: Musik, Kunst, angewandte Kunst und vor allem selber tun.


Nach 20 Jahren... wurde ich geschieden...Geld durfte ich nicht haben, das hat er mir nicht gegeben. Dann hab ich eine Umschulung gemacht auf Bürokauffrau, was anderes gab es nicht.“ Danach arbeitete sie ein Jahr in einem kleinen Buchladen und kurz bei einem Verlag.vSie bewirbt sich auf eine Stelle in der Bibliothek am Fachbereich  Psychologie der Uni. „Ich habe die Stelle bekommen ..und die hatte ich circa zehn Jahre, bis ich 65 wurde und dann pensioniert wurde."


Alter
„Ja, wie habe ich mich finanziert? Also das Haus meiner Mutter in A.wurde nach dem Tod verkauft und unter uns Geschwistern aufgeteilt, das war im Grunde meine Altersvorsorge... und jetzt kriege ich ja für die beiden Kinder noch Geld, das ist ganz toll, da war ich total perplex! ..Meine Rente reicht gut für ein menschenwürdiges Leben...“
Gedanken über das Alter, Vorbilder, Alltag


„Meine Mutter hat bis ins Alter selbstständig und alleine in einem Haus gelebt fast bis zu ihrem Tod... Meine Großmutter war eine der ersten, die Krankenschwester gelernt hat und im Sanatorium hat sie alle Jobs gemacht: Hausherrin, Hausdame, Köchin...sie hat geputzt, sie war für alles zuständig, hat das alles gemacht, das hat auch auf mich abgefärbt...


Der Übergang in den Ruhestand war relativ einfach. Ich hab Dinge, die ich vorher schon tat, einfach weitergeführt. Ich war schon im Chor, ich hab weiter Zeichenunterricht gegeben, ich hatte eine Streuobstwiese, da musste man immer mit dem Fahrrad hinfahren, ich hab immer Gymnastik gemacht, ich war weiterhin in Konzerten und Theater und ich hab gleich im Oxfam-Buchladen angefangen. ..Ich hab die Arbeit sehr schnell ersetzt durch die Vorlesungen und nach einer Weile kam der Freund dazu.... Ich habe keinen Ehepartner, aber einen Partner und wir leben in getrennten Wohnungen. Besonders Geschichte, Kunstgeschichte.. Philosophie, das sind die Schwerpunkte, machen wir bis heute.... Und (wir) haben auch noch einen Acker, den wir bestellen und da merke ich jetzt...dass mir manchmal ein bisschen Kraft fehlt, ansonsten hab ich einfach immer weitergemacht, was sollte man denn auch sonst tun?" Ich will mich bewegen können, sonst geht das nicht...Auch Oxfam ist ein klasse Training! Ich bin für die Kunstbücher zuständig und da muss ich sehr aufpassen und mich konzentrieren, solange ich kann, mache ich das....


Ich weiß nicht, ob ich früher irgendwas (über das Alter)nachgedacht habe...Mir fällt eben eine Äußerung meiner Mutter ein, als wir eine Schwester meiner Großmutter im Altersheim besuchten, dass sie sagte:"Das sind hier so schreckliche Frauen. Die sind krank schon mit 60 und von da an schalten sie ihren Kopf ab!" …das hat mich doch scheinbar sehr beeindruckt...Ich möchte nicht in ein Altersheim gehen... ich finde es entsetzlich, wie erwachsene, selbstständige Menschen, die die Sorge um sich selbst nicht abgegeben haben, dort behandelt werden....


Mein Tagesablauf sieht so aus : morgens vor dem Frühstück eine halbe Stunde in den Park laufen und gehen, dann frühstücke ich, dann kommt entweder mein Freund oder ich gehe zu Oxfam, dann hat man genug zu tun. Fahre viel mit dem Fahrrad, mache Sport. Irgendwas ist immer, Ausstellungen, Konzert, Theater, Familie...Ich habe kein Smartphone, Computer ja, aber mäßig. Fernsehen sehr wenig, nur ARTE und Radio, sehr viel Radio...
Zur Darstellung der älteren Menschen in den Medien  „...kann ich nicht viel sagen weil ich viel zu wenig in den Medien gucke, wie die Alten dargestellt werden. Andererseits, wenn ich in den Wirtschaftsteil der Zeitung gucke, stelle ich fest, dass es ganz tolle Frauen gibt, auch ältere, die ganz tolle Jobs machen."


Rolle der RentnerInnen in der Weitergabe von Wissen, Werten...in der Politik ?
„Ich glaube, die Jungen haben vollkommen andere Wertvorstellungen, ich kenne aber zu wenig, um darüber wirklich was zu sagen. Meine Kinder, das entspricht schon eher meinen Auffassungen....Eine Zeitlang war das Seniorwissen wohl überhaupt nicht gefragt, inzwischen weiß man, dass die da ganz viel wissen und weitergeben könnten, ja...
Es fing an schon in Stuttgart, als die Notstandsgesetze erlassen werden sollten. ... Meine damalige Chefin, die war also sehr dagegen und das hat mich beeinflusst.... ich hab immer geguckt, ob es gerecht ist, das war mir am wichtigsten! ...Weil ich immer sehr wenig Geld hatte oder sehr knapp mit Geld war, hab (ich)niemals CDU gewählt, nie, niemals CDU gewählt. Jetzt bin ich schon sehr lange auf der grünen Seite, das entsprach auch meiner Denkweise...Die Großeltern waren tolle Leute, aber es gab nirgendwo etwas, was üppig war...Ich hab nie einen Anspruch entwickelt, noch hätte ich das gut gefunden...
Politisch aktiv war ich in der Bürgerinitiative, das hat sich aufgelöst, ich war bei Puls auf Europe dabei, aber sonst bin ich eigentlich jetzt nicht politisch aktiv. Ich würde jederzeit...wenn es in meinem Stadtviertel stattfindet, also irgendwas, wogegen man sich wehren oder wofür man sein muss, da würde ich auch wieder mitmachen."


Schwierigkeiten und Möglichkeiten, das Leben der SeniorInnen zu verbessern?
„Es gibt bestimmt viele ältere Menschen, die sehr wenig Geld haben und was ich selbst sehr schwierig finde, und da bin ich auch demnächst betroffen, das ist das Wohnen. Es gibt keine bezahlbaren kleinen Wohnungen...Ich fände gut eine Wohnmöglichkeit in einem Haus, gemischte Einwohner aber auch Alte, wo man durchaus seinen eigenen Bereich hat, aber sich einbringen kann in der Gemeinschaft in irgendeiner Form. Das fände ich sehr gut...aber das ist einfach nicht zu bezahlen."


Geändert hat sich durch Corona...

„Wenig! Ich bin Einzelgänger, es ist mir schwergefallen, den Freund nur sehr wenig zu sehen. Ich hab mir geholfen, indem ich mich aufs Fahrrad setzte und jeden Tag ziemlich viel fuhr und draußen war. Mit den Beschränkungen wegen Corona kann ich leben...Die Cafes habe ich sehr vermisst, ebenso die Kultur! "


Der rote Faden:
Es ist einfach geblieben, das Interesse für Kunst und Musik bestanden seit ich 10-12  (Jahre alt)war und es hat nicht aufgehört...Aber was ich auch bin, ich bin sehr kritisch. Ich weiß nicht, obs gut ist und mir fehlt auch ein Stück Humor,…aber ich bin zufrieden, ich bin durchaus zufrieden!“