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Ivo G.

2013-OB Gönner  (12)
von Iris H.

 

 

Das Schlimmste ist für mich, nicht herausgefordert zu sein


Ivo Gönner hat einen eigenen Wikipedia-Eintrag*. In Ulm kennt den ehemaligen Oberbürgermeister mit dem charakteristischen Schnauzbart fast jede/r. 1972 ist er in die SPD eingetreten. Vor 40 Jahren, im Juni 1980, wurde er – damals 28 Jahre alt - erstmals in den Ulmer Gemeinderat gewählt. Gönner ist vielleicht der bisher beliebteste OB, den Ulm hatte. Zumindest lauten Facebook-Kommentare noch heute so:
„Absolut sympathischer und charismatischer Mensch.“ „Wer will ihn nicht zurück...der Beste, den es gab und das wird so bleiben!“


* Ivo Gönner (* 18. Februar 1952 in Laupheim) ist ein deutscher SPD-Kommunalpolitiker und war von 1992 bis 2016 Oberbürgermeister von Ulm. Er wurde als Sohn eines Laupheimer Apothekers geboren und wuchs im oberschwäbischen Laupheim auf. Er besuchte das Kolleg St. Blasien im Schwarzwald. Seinen Zivildienst leistete er in Ulm, bevor er sein Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Heidelberg aufnahm. 1978 kehrte Gönner nach Ulm zurück, als er Referendar am Landgericht wurde und anschließend bis 1992 als selbständiger Rechtsanwalt arbeitete.
Ab 1980 saß Ivo Gönner im Gemeinderat und wurde dort 1985 Fraktionsvorsitzender der SPD, bevor er 1992 Ernst Ludwig von der CDU als Oberbürgermeister ablöste. 1999 wurde er mit 79,9 % wiedergewählt. Sein Herausforderer Frank Ahnefeld (CDU) errang nur 14,1 %. Bei der Wahl am 2. Dezember 2007 wurde er mit 80,2 % zum zweiten Mal wiedergewählt; bei dieser Wahl stellte die CDU von vorneherein keinen eigenen Kandidaten auf.
Als Oberbürgermeister von Ulm war Gönner zugleich Vorsitzender des Aufsichtsrates der Stadtwerke Ulm. Im Sommer 2007 erwehrte er sich gegen die Darstellung von Ulm als Hort islamistischer Terroristen und Zentrum ihrer Rekrutierung. Von 2001 bis 2005 war Gönner Vorsitzender der Sozialdemokratischen Gemeinschaft für Kommunalpolitik in Baden- Württemberg. 2002 wurde er zum Sprecher der neun Großstädte Baden-Württembergs im Städtetag ernannt und Stellvertreter des damaligen Präsidenten des baden- württembergischen Städtetags. Präsident des baden-württembergischen Städtetags war er von 2005 bis Ende 2010. In der Diskussion um Stuttgart21 erwies sich Gönner als ein entschiedener Befürworter dieses Projektes. Im Februar 2012 wurde Gönner ins Präsidium des Deutschen Städtetags gewählt.
Am 29. November 2015 wurde Gunter Czisch (CDU) zum Nachfolger Gönners als Oberbürgermeister gewählt. Die Amtsübergabe fand am 29. Februar 2016 statt. Zum 1. April 2016 stieg Gönner in die Rechtsanwaltskanzlei eines Freundes ein.
Ivo Gönner ist mit der Journalistin Susanne Schwarzkopf-Gönner verheiratet und hat zwei Kinder.

 
Wie sieht für Ivo Gönner ein typischer Tag aus?
Wichtig ist eine gewisse Strukturierung. Morgens lasse ich mir viel Zeit beim Frühstücken und Zeitunglesen. Auf dem Weg zur Kanzlei besorge ich mir weitere Zeitungen und steuere dann eines der inzwischen wieder geöffneten Cafés an. Das ist gegen 10.30 Uhr. Dann brauche ich die zweite Kaffeestation. Bei der Gelegenheit kann ich überregionale Zeitungen lesen. Wenn ich keine Termine habe, bin ich gegen 11 Uhr in der Kanzlei und schaue, was reingekommen ist oder was ich vorbereiten muss. So gegen 14 Uhr mache ich eine weitere Kaffeepause. Und beschäftige mich nachmittags mit dem restlichen Poststapel oder bereite zum Beispiel Vorträge vor. Nach einem so schweißgebadeten Alltag steuere ich wiederum ein Café an, wo ich ein erstes kleines Glas Wein trinke, um anschließend nach Hause zu gehen oder zu einem Termin.


Das hört sich sehr selbstbestimmt an...
Es gibt natürlich auch Tage, wo ich frühmorgens schon in einer Besprechung bin. Aber ich mache jetzt, anders also früher im Rathaus oder als Anwalt, die Termine tatsächlich selber, und wenn es Stress gibt, mache ich mir den auch selber. Das ist eine große Freiheit.


Gibt es weitere Dinge, die Struktur geben?
Ich versuche, Kontakt zu Menschen aus der juristischen Welt und aus meinem privaten Umfeld zu halten, um immer auch noch ein Auge und Ohr für Andere und ihre Vorstellungen und Entwicklungen zu haben. Da werden jetzt Beziehungen intensiver, die über Jahre weniger intensiv waren. Wir haben zum Beispiel eine kleine Reisegruppe ins Leben gerufen, die Reisegruppe Blaue Donau, wobei das Wort „blau“ dabei doppeldeutig ist... (lacht). Da nehmen wir uns einmal im Jahr eine bestimmte Station entlang der Donau vor. Mit dem Zug oder Flugzeug. Zum Beispiel mal in den oberen Lauf, so um Linz herum bis zur Wachau, oder Wien oder Budapest. Mit dabei sind Freunde und Donaubekannte, ein Kneipier, ein Schauspieler... Letztes Jahr waren wir in Bukarest und sind dann bis zum Schwarzen Meer gefahren. Wir treffen vor Ort Menschen, die zum Beispiel journalistische Aufgaben haben oder künstlerische, oder die wirtschaftliche Kontakte hierher haben, aber keine Würden- und Amtsträger. Ich beschäftige mich im Vorfeld schon ein bisschen mit Land und Leuten, nehme mir beispielsweise entsprechende Lektüre vor.


Ist Reisen wichtig für Dich?
Ich habe mir nie vorgenommen, im Ruhestand die Welt zu bereisen. Ich bin nicht so der große Reiseonkel. Zwei, drei, vier Tage irgendwo hinzufahren reicht mir meist. Mit der Familie haben wir etliche Städtereisen unternommen.


Wichtiger als Reisen ist...
Zum Beispiel Vorträge zu kommunalpolitischen Themen zu halten. Etwa bei der Lebenshilfe in Esslingen zum Thema „Was wäre eine Stadt ohne behinderte Menschen?“. Andere Vorträge haben sich beispielsweise mit dem Thema „Heimat“ beschäftigt.


Daneben arbeitest Du in der Kanzlei eines Freundes mit.
Ja, für die Kanzlei berate ich Städte und Gemeinden im Hinblick auf die Bauplatzvergabe nach der neuen Vorgabe des europäischen Gerichtshofes. Und zwei, drei Jahre habe ich mich mit dem Datenschutz beschäftigt. Das war für mich ein neues Thema, in das ich mich eingearbeitet habe.


Du könntest Dich aber doch jetzt auch zurücklehnen...
Das könnte ich, das würde mich aber doch sehr unzufrieden zurücklassen.


Warum?
Ich glaube, es braucht nach einer langen öffentlichen Phase immer wieder eine geistige, zum Teil auch intellektuelle Herausforderung. Das Schlimmste ist für mich, nicht herausgefordert zu sein. Dabei geht es nicht um neue Leistungen, sondern um das Beschäftigen mit Themen. Das sollte jeder für sich solange machen, wie die Neugierde bleibt. Wenn sich dann Routine einstellt, wird es Zeit, sich mit etwas Neuem zu beschäftigen. Man sollte auch keinen Bammel haben, einfach mal etwas ganz anderes zu ertasten. Das schließe ich auch für mich nicht aus, ich bin ja sozusagen noch Neurentner.


Wie sieht es mit neuen Medien aus?
Da habe ich dazugelernt. (Lacht). Ich kann E-Mails verschicken. Aber ich bin dann doch ein bisschen altmodisch gestrickt und greife eher zum Telefonhörer. Ich habe keine größere Begeisterungsfähigkeit für die neuen Kommunikationsmittel entwickelt. Meine Kenntnisse sind da eher rudimentär.


Also kein Facebook- oder Instagram-Account?
Nein, überhaupt nicht.


Malen soll ein Hobby von Dir sein...
Im Sommer nicht, aber wenn es etwas kälter wird. Die Kinder hatten sich zu Weihnachten je ein Bild gewünscht. Das hab ich dann auch gemacht, eines für Sebastian, eines für Sabina. Dabei habe ich versucht, ein bisschen ihre Vorlieben auszudrücken.


Politik wird Dich aber ja wohl ein Leben lang beschäftigen...
Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, dass ich mich zu kommunalpolitischen Dingen nicht öffentlich äußern werde. Allgemeine politische und gesellschaftliche Vorgänge arbeite ich in meine Vorträge ein. Es geht mir darum, die Dinge über eine reine Analyse hinaus in einen Zusammenhang zu stellen. Gerade beschäftige ich mich zum Beispiel damit, dass bestimmte Anstöße und Entwicklungen durch die französische Revolution gegeben wurden, die ja wiederum als Vorläufer die Aufklärung hatte, und die sich in Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zuspitzte - und wie sich das über die Jahrzehnte gehalten und sich gleichzeitig auch verändert hat, weil neue Elemente von Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit hinzugekommen sind. Mich interessiert, wie sich bestimmte geistige, politische, zum Teil auch philosophische Entwicklungen heute niederschlagen. Ich beschäftige mich auch mit der Frage, was hinterlässt meine Generation an politischen, sozialen und gesellschaftlichen Impulsen?


Was würdest Du Jüngeren raten?
Sich mit Geschichte zu beschäftigen. Aber nicht in dem Sinne, bestimmte Daten auswendig zu lernen. Es gibt ja diesen berühmten Satz „Wer aus der Geschichte nichts lernt, ist gezwungen, sie zu wiederholen“. Beschäftigung mit Geschichte kann die Abstraktionsfähigkeit erhöhen und damit aus meiner Sicht auch die Sensibilität. Die Schlussfolgerungen ziehen dann die Einzelnen selber daraus – ob sie sich engagieren oder nicht, ob sie Tendenzen früh oder gar nicht erkennen oder ob sie vielleicht auch Meilensteine setzen.


Noch ein Rat an Jüngere?
Die Verfügbarkeit von Informationen ist heute unvergleichlich größer als früher. Aber Information sollte man nie gleichsetzen mit Wissen. Wissen bedeutet immer auch einen kreativen, verarbeitenden, einordnenden Vorgang. Deshalb ist die Informationsgesellschaft eines der langweiligsten Dinge. Man hat alles auf Abruf, aber nicht unbedingt Wissen. Wissen aber sollte man zur Richtschnur von Handlungen machen.


Soziales Handeln war Dir immer wichtig. Wie kam das?
Nach dem Abitur 1971 habe ich meinen Zivil-Ersatzdienst in Ulm beim Arbeiter-Samariterbund begonnen. Das war eine große Wohltat für mich nach diesen vielen Jahren der Schule, etwas ganz anderes zu machen, keine Bücher mehr anzuschauen, nicht tröge vor mich hin zu pauken, also in einen völlig anderen Alltag geworfen zu werden.

 

Du kommst aus einem akademischen Elternhaus.
Ja, ich bin in Laupheim geboren und aufgewachsen. Mein Vater war Apotheker, meine Mutter Hausfrau, die klassische Rollenverteilung. Wobei meine Mutter auch sehr viel in der Apotheke mitgeholfen hat. Ich habe zwei Schwestern. Eine ältere, die Apothekerin geworden ist, und eine jüngere, die kurz vor dem Abitur die Schule abgebrochen hat, als Aupair nach Italien gegangen und später dann eine Ausbildung als Krankenschwester gemacht hat.


Das war eine behütete Kindheit?
Ja. Wobei: Mit 10 Jahren bin ich dann ins Internat nach St. Blasien gekommen.


War das Dein Wunsch?
Nein. Es hieß: Alle männlichen Mitglieder gehen dorthin. Dann bin ich dahin marschiert und hab dort auch das Abitur gemacht. Ich war von zuhause eigentlich immer viel weg. Damals gab es nur dreimal im Jahr Ferien. Deswegen war für mich vieles mit einem anfangs strengen und dann rebellisch sich Freiheit erworbenen Internatsleben verbunden. Und viele meiner Entwicklungen haben meine Eltern gar nicht mitgekriegt. Was manchmal auch ganz gut war. Meine Frau ist ja der Meinung, dass das für mich eine Katastrophe gewesen sei, weil ich eine völlig andere familiäre Bindung vor Augen hätte, das wollte sie zurecht mit unseren Kindern nie. Ja, es ist ein Entfremdungsleben gegenüber der eigenen Familie. Irgendwann mal fand ich das gut, aber ich wollte nicht, dass das andere auch ertragen müssen. Es ist auch emotional eine andere Achterbahn. Du wirst im anders sozialisiert.


Das Internatsleben hat dich geprägt.
Ja, was mir immer wichtig war, ist dieses Gemeinschaftsgefühl. Wir hatten einen Obererzieher, der übrigens mit meinem Vater zusammen Abitur gemacht hatte, der sagte zu uns im Studiersaal: „Jetzt seid ihr 80, in einem Vierteljahr seid ihr 40, 10 von euch führe ich zum Abitur und aus 5 von euch mache ich anständige Menschen.“ Da hab ich mir als Zehnjähriger gedacht: Es wär` vielleicht gar nicht so ungeschickt, du würdest zu den fünf gehören...


Hattest du Heimweh?
Das ist dir ausgetrieben worden - auch durch viele Aktivitäten und einen strukturierten Tagesablauf. Andacht, Frühstück, Schule, Mittagessen, zwei Stunden Sport, dann Studium bis zum Abendessen, halbe Stunde Hofgang... Die Jesuiten waren in der katholischen Kirche als elitärer Orden verschrien. Sie hatten sich über Jahrhunderte weg auf Bildung und Elitebildung spezialisiert. Das war wahnsinnig religiös, aber vor allem intellektuell herausfordernd. Man musste eine These und die Antithese formulieren und dann die Synthese finden. Niemand durfte einfach so daher plappern.


Da ist das Jurastudium natürlich vorgezeichnet, und auch der Hang zur Strukturierung...
Aber Strukturierung ist ja nichts Negatives. Übrigens haben mir das die über 100-Jährigen, die ich als Oberbürgermeister besuchen durfte, oft gesagt: Wie wichtig ihnen eine Struktur ist. Da gab es ganz strukturierte Personen.


Wie würdest Du die ältere Generation von heute beschreiben?
Zunächst muss man ja mal sagen, dass unsere Generation heute in einem Zustand lebt, den es in Europa die letzten Jahrhunderte nicht gab - mehr als 70 Jahre ohne Krieg. Deshalb sollten Ältere wie Jüngere mal darüber reflektieren, was man dazu beiträgt, um das nicht nur zu erhalten, sondern weiterzuentwickeln. Deswegen ist das Jammern über alltägliche Dinge ein Fliegenschiss gegenüber dem, was frühere Generationen erlebt haben. Wie gehen wir um mit unserer Umwelt, mit Rohstoffen, mit Techniken? Ältere sollten nicht lamentieren, sondern Jüngere ermuntern: Es gibt Lösungen und wir stehen nicht im Wege. Die ältere Generation ist ja auch Teil dieser hoch erfreulichen Geschichte, dieser langen Zeit des Friedens.

 

Wie siehst Du die Friday-for-future-Bewegung?
Das ist eine typische Mittelschichtsveranstaltung, keine große soziale Bewegung. Sie wird nie erfolgreich sein, wenn sie sich nicht breiter aufstellt.


Zurück zum Zivildienst, der Dich, neben der Internatszeit, ja anscheinend auch sehr geprägt hat. Wie sah der aus?
Es waren vor allem körperlich und geistig behinderte Kinder, die ich jeden Morgen ab sieben Uhr zwei Stunden lang in Ulm und der Umgebung mit einem VW-Bus eingesammelt und zur Bodelschwingh-Schule gebracht habe. Dann habe ich Kranken- oder Bluttransporte gemacht, um die Mittagszeit Essen ausgefahren und um 15 Uhr die Kinder wieder abgeholt. Manchmal hatte ich noch Abenddienst und alle vier Wochen Nachtdienst. Das war eine völlig andere Welt, und dabei bin ich wahnsinnig vielen Menschen begegnet, ob das jetzt Kinder oder Ältere waren. Da hab ich gespürt und gesehen, dass es Menschen gibt, die allein und einsam sind. Das ist ein großer Unterschied. Es gibt Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen allein sind. Und es gibt Menschen, die allein und einsam sind. Das hat mich berührt und mir Herz und Augen geöffnet.


Auch für die Politik?
Ja, diese Erfahrungen fielen zusammen mit den spannenden politischen Themen damals, als es um die so genannte Ostpolitik ging. Das waren unwahrscheinlich ruppige Auseinandersetzungen und ich habe gemerkt, da kann ich jetzt nicht beiseite stehen, sondern muss mit hinein ins Getümmel. Der Ausschlag war eigentlich im Herbst 71, als bei einem großen Schwabentreffen der SPD Willy Brandt als Redner auftrat und die Stimmung sehr aggressiv war. An manchen Wänden stand damals „Brandt an die Wand“. Da war für mich klar: Da musch mitmachen.


Dann hast Du aber doch ein Studium begonnen.
Nach etwa zwei Jahren beim ASB habe ich angefangen, Jura in Heidelberg zu studieren, und das hat mir gut getan. Damals musste wieder etwas Theoretisches kommen. Aber ich bin ein großer Anhänger davon, dass nach einer längeren schulischen Zeit für Buben und Mädchen eine soziale Tätigkeit verlangt werden kann. Ich fand es auch toll, dass meine Tochter ein soziales Jahr gemacht hat.


Gab es in Deinem Leben nochmal so einen wichtigen Einschnitt?
Nach dem Ende der Ausbildung, weil immer die Frage war, was mache ich dann. Da war ich schon ein Vierteljahr im Gemeinderat. Ich hatte mir immer vorgenommen, dass ich, bevor ich hauptamtlich Politik betreibe, vorher mir eine berufliche Basis erarbeite, um unabhängig zu sein. Das Schlimmste ist es, wenn du politisch aktiv und von einem Amt abhängig bist. Ich muss jeden Tag sagen können: Ich hör auf. Diese innere Freiheit wollte ich mir bewahren. Deshalb habe ich mich als Anwalt selbstständig gemacht.


Weitere Wendepunkte?
Ja, das war die Frage, ob ich für das Amt des Oberbürgermeisters kandidiere. Da habe ich den ersten Anlauf 1983 genommen, eher so ein bisschen als Test. Das war ganz lehrreich. Danach hab ich halt meine Anwaltstätigkeit weiter gemacht. Und dann gesagt: Ich mache einen zweiten Anlauf. Immer mit dem Wissen, dass es eine interessante, eine dreifache Aufgabe ist: politisch, verwaltungsmäßig und repräsentativ. Bei allen drei Dingen musst du kommunikativ sein. Ich dachte: Das passt. Meine Mutter hat mich auch sehr bestärkt, weil mein Großvater mütterlicherseits OB in Schwäbisch Gmünd war. Sie hat mich dann mal mitgenommen dorthin ins Rathaus, und da hängt ein Ölgemälde von ihm. Da wusste ich: Irgendwann wird ein Oberbürgermeister aufgehängt, aber in Öl.


Hätte dich auch eine andere politische Aufgabe gereizt?
Nein, mich hat es nie interessiert, zum Beispiel für den Bundestag oder Landtag zu kandidieren - ebenso wenig wie Anfragen, ob ich Minister werden will oder Spitzenkandidat. Ich hab immer gesagt:

Lasst mich in Ruhe damit. Dafür eigne ich mich nicht. Das ist nicht meine Welt. Meine ist die kommunale Basis, die ich unheimlich wichtig finde fürs demokratische Gefüge. Dann wurde ich gewählt, und das war ein neuer Abschnitt.


Mit Einverständnis Deiner Frau Susanne?
Immer. Das hätte ich nie ohne ihre Unterstützung gemacht. Ohne ihr Wohlwollen.


Wobei Eure Aufteilung in der Beziehung immer klassisch war, sie hat ihren Beruf aufgegeben, als Du OB wurdest.
Ja, das war von Anfang an klar. Für uns beide. Dann kamen kurz darauf die Kinder, und sie hat sie aus allem rausgehalten. Das ist eine super Leistung. Da hat sie gewacht wie eine Löwin, dass bei öffentlichen Veranstaltungen die Kinder nie dabei waren. Sie hat auch immer gesagt: „keine Homestory“.


Und das Ende als OB – auch ein Wendepunkt?
Das Ende nach 24 Jahren habe ich mir selbst gesetzt. Es ist ein Teil der Selbstbestimmung, zu sagen, jetzt ist einfach Schluss, keine Verlängerung mehr. Da bin ich schon privilegiert, weil ich ja noch eine berufliche Basis habe, die mich trägt.


Du bist körperlich fit. Aber hast Du dir mal überlegt, wie Du Dein Alter verbringen würdest, wenn Du Einschränkungen hättest?
Da mache ich mir keine Gedanken. Das lasse ich auf mich zukommen.


Lebst Du eher in der Gegenwart?
Sagen wir so: Ich nehme die Gegenwart bewusst auf, ich sauge sie auf. Manchmal sind Situationen ja sehr ähnlich, und daraus lässt sich dann eine Leitschnur machen. Profanes Beispiel: Wir hatten zwischen Ulm und Neu-Ulm immer wieder das Thema Gewerbeansiedlungen. Eine völlig unproduktive Konkurrenz. Daraus haben wir dann irgendwann mal eine Konsequenz für die Zukunft gezogen und gesagt: Warum schmeißen wir das nicht zusammen, es ist völlig wurscht, ob eine Firma sich in Ulm oder NU niederlässt, wir gleichen die Verkaufspreise und Steuern an, dann ist diese unproduktive Rivalität einfach weg. Das ist gespeist worden durch viele Gegenwartsthemen.


Was hast Du mit 20 gedacht, wie Du mit 60, 70 Jahren dastehen würdest?
Ich habe mich wie alle jungen Leute für unsterblich gehalten. Ich wollte nicht Naturwissenschaftler oder wie mein Vater und dessen Vater und dessen Vater Apotheker werden. Mein Vater hat damals seinen 60. Geburtstag gehabt, 1974, da hatte ich den Eindruck: Er ist ein sehr alter Mann. Das hing vielleicht mit dieser Generation zusammen, die ja in diesen Krieg hineingezogen wurde, und alles Mögliche erlebt hat. Mein Großvater ist mit 62 tot in der Apotheke umgefallen, mein Vater auch. Als ich meinen 63. Geburtstag gefeiert habe, habe ich tief durchgeatmet.


Hast du ein Lebensmotto?
Jeder nach seiner Facon. Das bedeutet aber nicht nur Toleranz, sondern Respekt. Man kann tolerant gegenüber allem sein. Aber Respekt zu haben, ist mehrere Grade anders. Respekt muss eingefordert und praktiziert werden.