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Rüdiger M.

Rüdiger M

        von Iris H.

 

 

„Wir müssen uns gegenseitig helfen“

 

Rüdiger M., geboren am 20. August 1950 in Sinn, Hessen; eine Schwester; Studium der Nachrichtentechnik in Siegen/Nordrhein-Westfalen; ab 1977 bei Bosch in Berlin Technischer Redakteur, ab 1989 bei AEG Olympia und zuletzt bei Nokia in Ulm; passiv¬e Altersteilzeit seit 2008, in Rente seit 2011; verheiratet, eine Tochter.

 

„Je älter ich werde, desto neugieriger“, sagt Rüdiger M., der mit seiner Frau, die berufstätig ist, in einem Reihenhaus am Ulmer Eselsberg lebt. Seinem 70. Geburtstag sieht er gelassen entgegen. „Es ist gut, wie es ist.“ In seinem Arbeitszimmer im ersten Stock liegen schwere schwarze Kugeln auf dem Parkett. M. hat sie aus alten VHS-Videobändern gerollt. Die größte Kugel enthält über 60 km Videoband. Kreativ zu sein, ist ihm wichtig, sich sozial zu engagieren ein Bedürfnis.


Du hast mit 58 Jahren aufgehört zu arbeiten. Das ist früh.
Das habe ich ganz bewusst gemacht. Meine Überzeugung war: Du musst aufhören, solange es schön ist. Ich habe Kollegen erlebt, die am Schluss nicht mehr wollten oder konnten und traurig geworden sind. Die sind auch später nicht mehr glücklich geworden. Ich wusste nicht, wie viel Rente ich bekommen werde, aber ich wusste, es reicht, weil ich in meinem bisherigen Leben auch immer mit wenig Geld ausgekommen bin.

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Wie erging es Dir dann im Ruhestand?
Ich habe im Juli 2008 aufgehört zu arbeiten und dann zunächst ein bisschen ausgeschnauft, denn der Job war nicht immer einfach. Dann habe ich gemerkt: Ich muss was machen, jetzt suche ich was, was mir Spaß macht und der Gesellschaft dient. Auf einer Veranstaltung des Zentrums für Allgemeine Wissenschaftliche Weiterbildung (ZAWiW) der Universität Ulm im Herbst haben mich dann zwei Themen angesprochen, bei denen ich mich engagieren konnte – im Arbeitskreis Alt-Jung, da war ich 7 Jahre lang dabei, und der Arbeitskreis ASSIST, der Unterstützung für ausländische, englischsprachige Master-Studierende bietet. Das mache ich immer noch. Dort organisieren ältere und erfahrene Erwachsene -SeniorConsultants- günstige Tagesreisen für die Studierenden, damit sie Deutschland besser kennenlernen können. Einige Senioren, auch ich, bieten darüber hinaus Deutsch-Konversation an, denn die Studierenden haben wenig Gelegenheit Deutsch zu sprechen. Gute Deutschkenntnisse sind aber wichtig für sie, wenn sie eine Arbeit in Deutschland aufnehmen wollen. Ich versuche dann auch, meine Philosophie rüberzubringen.


Welche Philosophie?
Sei gut zu den Menschen, engagier dich, auch wenn du kein Geld bekommst. Klar, wenn man das Geld braucht, ist es etwas anderes. Ich bin in einer guten Situation. Und: Ein Lächeln als Belohnung ist manchmal eine super Sache!


Du hättest Dich ja auch auf die faule Haut legen können…
Nein, ich war eigentlich schon immer aktiv, früh bei der katholischen Jugendbewegung, dann habe ich in Berlin in einem Stadtteilladen ehrenamtlich mitgearbeitet, oft bis zu 20 Wochenstunden, etwa in der Mieterberatung. Politisch war ich eher im linken Spektrum verortet.

 

Du bezeichnest Dich als sozialen Menschen. Woher, glaubst Du, kommt das?
Keine Ahnung. Es steckt irgendwie in mir.

 

Welche sozialen Projekte unterstützt Du noch?
Ich habe beim Ökumenischen Besuchsdienst angefangen, habe ältere Leute zu Hause besucht, habe Fahr- und Hilfsdienste gemacht. Parallel dazu bin ich zu einem schwierigen Job gekommen, der wurde allerdings etwas bezahlt. Ich habe einem MS-Kranken mehrmals die Woche Essen zubereitet und gegeben – bis er mit Mitte 40 gestorben ist.


Was hat Dir das gegeben?
Soziale Verantwortung. Diese Notwendigkeit sehe ich in unserer alternden Gesellschaft immer mehr: Wir müssen uns gegenseitig helfen. Der Staat kann nicht alles leisten.


Wie sieht momentan Dein Alltag aus?
Montags und donnerstags gehe ich für einen älteren Mann einkaufen, das läuft über die Nachbarschaftshilfe. Montagnachmittag und am Mittwoch kommt ein Studierender für eineinhalb Stunden, um die deutsche Sprache zu lernen. Monatlich treffen wir Senioren uns wegen der Koordination der Studierenden-Betreuung und hin und wieder bin ich in der Uni beim International Office in einer Sitzung. Ich habe aber auch immer wieder einen Tag frei. Da kann ich dann ganz spontan noch weitere Termine annehmen.

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Was machst Du dann?
Dann mache ich Kunst, zum Beispiel aus Papprollen. Mit diesen Rollen, für die ich eine Quelle habe, versorge ich aber auch Kindergärten. Ich selbst bezeichne mich als ein Spontankünstler.


Ist Dir Reisen wichtig?
Nein. Wir reisen auch, machen aber eher Kurzreisen. Wir haben`s hier doch schön.


Würdest Du Dich als Europäer bezeichnen?
Unbedingt. Ich würde sogar noch weiter gehen, mir sind auch andere Länder wichtig. Ich denke, wenn man sich kennt, dann schießt man nicht aufeinander.


Ist Osteuropa für Dich ein Thema?
Momentan engagiere ich mich hier nicht. Aber vielleicht kommt das noch. Das will ich nicht ausschließen. Je älter ich werde, desto neugieriger werde ich.


Wie kommt das?
Vielleicht hängt es mit meiner Sozialisation zusammen. Meine Eltern waren Vertriebene, mussten also ihre Heimat verlassen. Ich will nicht sagen sie waren Duckmäuser, aber doch verängstigt auf Grund ihres Status. In dieser angstvollen Atmosphäre bin ich aufgewachsen. Und ich fühle mich als Kriegsenkel. Ich spüre auch Traumata. In der Flüchtlingsfrage habe ich mich auch engagiert. Was die so erzählt haben, das hat mich sehr berührt, ich habe geheult. Ich merke, da ist noch was bei mir zu bearbeiten.


Welche Wendepunkte gab es in Deinem Leben?
Persönlich eine Trennung, da war ich 35, als mich meine Freundin nach elf Jahren verlassen hat. Das zu verarbeiten hat mich viel Kraft gekostet. Aber daraus habe ich auch Selbstbewusstsein gewonnen, mir ist vieles bewusst geworden. Das hat meinem Leben eine andere Richtung gegeben. Als politischen Wendepunkt habe ich vor allem in Erinnerung, wie die Sowjets 1968 in Prag einmarschiert sind. Das war an meinem 18. Geburtstag. Es hat mich insofern sehr berührt, weil meine Eltern Sudetendeutsche waren.


Was würdest Du Jüngeren raten?
Dem Mutigen gehört die Welt. Die Dinge nicht nur negativ zu sehen, sondern auch die Chancen zu erkennen, die sich bieten. Und Hilfe zu suchen, wenn es nötig ist. Ich war zum Beispiel nach meiner Trennung in einer Selbsthilfegruppe. Ebenso muss man Hilfe auch annehmen können. Das ist vor allem im Alter wichtig. Man muss vorsorgen, dass Leute um einen sind, die einem wohl gesonnen sind und es ist wichtig, jüngere Menschen zu kennen. Ich habe eine 97-Jährige besucht, die hat immer gesagt: „Was soll ich denn noch hier, meine Freunde sind alle gestorben.“ Man muss auch selbst aktiv sein, offen auf Menschen zugehen, auch im Alter.


Hast Du einen großen Freundeskreis?
Einen großen Bekanntenkreis schon. Richtige Freunde nicht viele, brauch ich aber auch nicht. Das sind dann enge Freunde, mit denen kann ich auch über alles Persönliche reden. Aber ich genieße es, viele Leute zu kennen und auch mal ein Schwätzchen auf der Straße zu halten. Der Stadtteil, in dem ich wohne, ist „mein Dorf“. Also ich fühle mich pudelwohl. Aber ich kann mein Leben halt auch selbst gestalten. Ich habe keinen Boss.


Gibt es eine Zeit, in die Du gerne zurückkehren möchtest?
Nein. Ich lebe im Hier und Jetzt. Ich bin super zufrieden. Vor allem möchte ich nicht mehr Jugendlicher sein, mit all diesen Ängsten. Heute ist alles viel einfacher.


Was machst Du für Deine Gesundheit?
Wir essen möglichst gesund, meine Frau kocht hervorragend, ich auch ein bisschen. Sport ist nicht mein Thema, ich mache ein bisschen Rückengymnastik, aber es geht mir – toi toi toi – gut.


Ist Religion für Dich ein Thema?
Ich bin mit katholischen Werten aufgewachsen, die finde ich immer noch gut. Aber ich bin mit 27 Jahren aus der Kirche ausgetreten. Die ganze Sache mit Gott kann ich nicht glauben, ich glaube an die Menschen.


Welche Medien nutzt Du?
Ich habe schon im Job Datenbanken mit aufgebaut, und bin auch jetzt gut vernetzt in den sozialen Medien. Ich lese aber Nachrichten am liebsten auf Papier in der Tageszeitung, der TAZ oder dem Spiegel. Papier raschelt, man kann was anzeichnen oder ausschneiden.


Was wünschst Du Dir für die Zukunft?
Gesund sollte ich bleiben. Ich werde dieses Jahr 70 und mache mir Gedanken, ob ich das alles noch schaffe, was ich zum Beispiel an künstlerischen Ideen im Kopf habe. Der 70. ist aber kein schwieriges Datum für mich. Es kommt, wie es kommt. Ich bin da ganz gelassen. Und wenn der Tod kommt, dann kommt der Tod. Hauptsache, es tut nicht weh.