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Elsa K.

elsa
von Hanns H.

 

 

Ich spreche mit Elsa K., * 1935 in Mariakemend/Ungarn, wohnt in Staig/Altheim bei Ulm, verheiratet, 2 Kinder, 3 Enkel und wir beginnen unsere Unterhaltung bei Kaffee und Kuchen im Wohnzimmer des hübschen Hauses der Eheleute K.
Elsa, wir haben uns über deine ehrenamtliche Tätigkeit beim ZAWiW kennengelernt.

 

Wie bist du dort heute engagiert?
Nicht mehr so intensiv, weil ich nicht mehr so gut zu Fuß bin und mehr ans Haus gebunden. Aber als ich vor 11 Jahren in einem Schreibprojekt mit dem Titel „Possible Europe-Europa erleben“ anfing, war das für mich eine ganz neue, tolle Erfahrung. Die Mitwirkung in verschiedenen Projekten wie „Kojala“ und „Die gewollte Donau“ hat mein Ruhestandsleben ganz enorm bereichert. Ich habe viele ganz interessante Menschen kennengelernt, in unserer Gruppe der Danube-Networker, sowie auch aus den Gruppen der osteuropäischen Länder entlang der Donau. Die Begegnungen und die gemeinsamen Reisen dorthin waren hochinteressant und unvergessliche Erlebnisse und ich habe darüber auch geschrieben.


Was bedeutet dir das Schreiben?
Das Schreiben erfüllt mich und es geht bei mir nachts am besten. Schon seit vielen Jahren habe ich große Schlafstörungen. Das belastet mich jedoch nicht sonderlich, denn dann fällt mir irgendetwas ein, dann stehe ich auf, setze mich an den PC und schreibe. Ich hab mir durch mein nächtliches Schreiben auch viel von der Seele geschrieben und mich dadurch von manchem Druck befreit. Schon manches Gedicht für Geburtstage, Hochzeiten oder Jubiläen für Freunde habe ich nachts verfasst. Und so ist auch mein Leben im 3. Lebensalter voll ausgefüllt.

 

Du schreibst am PC. Wie ist dein Umgang mit diesem Medium?
Ich bin froh und dankbar, dass ich vor 10 Jahren den Mut gefasst habe, dass ich mir noch Internet angeeignet habe. Da ich aus alters- bzw. aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr viel unternehmen kann, bin ich trotzdem mit der Außenwelt verbunden. Ich tausche mich jeden Tag in vielen Angelegenheiten mit meinem großen Freundeskreis aus. Es geht über Politik, über Bücher und private Dinge, die mich interessieren.


Bist du auch mit alten Freunden und Bekannten in Ungarn verbunden?
Jetzt ja, durch die heute möglichen Kommunikationsmittel. Ich nutze Smartphone und Internet und war zuletzt 2016 mit einer Gruppe der Danube Networkers in der alten Heimat aus der wir ja 1944 fliehen mussten. Ich habe viel über das frühere Leben in der Gemeinde Mariakemend und auch über meine Kindheitserlebnisse dort aufgeschrieben. Die Gemeindeverwaltung Mariakemend ist daran sehr interessiert und möchte in nächster Zeit ein Buch mit meinen Erzählungen herausbringen. Finanziell unterstützt werden sie dabei von der Deutschen Minderheiten-Selbstverwaltung. Das Buch soll in Deutsch und Ungarisch erscheinen.


Du sprichst von deiner „alten“ Heimat?
Wenn man so will dann habe ich natürlich Deutschland als Heimat. Hier lebe ich seit 1946, habe Familie und Haus. Aber Mariakemend in Ungarn ist für mich auch Heimat, weil ich dort eine glückliche Kindheit erleben durfte. Ich bin zum ersten Mal nach unserer Flucht 1971 mit meinem Mann nach Ungarn gefahren und es war eine sehr zwiespältige Erfahrung. Einerseits habe ich Schulfreundinnen getroffen und Menschen, die mich als Kind und natürlich meine Eltern noch kannten. Mein Vater war ja als „Konstabler“ (Feldhüter) eine überall bekannte Respektsperson gewesen. Es war schön, alte Bekannte zu treffen und mit ihnen Deutsch zu reden, auch wenn das auf offener Straße verboten war. Schmerzlich war für mich jedoch zu sehen wie fremde Leute in „unserem“ Haus wohnten, das nach dem Krieg enteignet und verkauft worden war.

 

Woher nehmen die sich das Recht?

Meine Eltern haben das Haus 1924 gebaut und ich empfand eine Wut gegenüber diesen Menschen. Immer wieder habe ich versucht, mir einzureden, dass diese Menschen nicht schuld sind an der ganzen Misere und doch habe ich ihnen die ganze Schuld zugewiesen. Und immer wieder suchte ich nach einer Erklärung weshalb ich mit so viel Wehmut, so viel Sehnsucht an diesem kleinen Häuschen hänge. Bis ich mir im Klaren war, dass es meine verlorene Kindheit sein muss. In diesem Haus habe ich so viel Liebe, so viel Wärme und Geborgenheit spüren dürfen wie in meiner ganzen Kinderzeit nicht mehr. Es wurde mir von einem Tag auf den anderen so viel genommen und meine geborgene Kindheit war mit einem Schlag zu Ende.
Und hier hatte ich ein einschneidendes Erlebnis: Vor ein paar Jahren stand ich wieder einmal vor unserem Haus und habe sehnsüchtig hinüber geschaut, da kam fröhlich lachend ein kleines
Mädchen aus dem Haus. Das Mädchen war ungefähr 9 Jahre, also in meinem Alter als wir geflüchtet sind. Und da ist mit mir etwas passiert. Ich habe endlich begriffen, dass ich nicht mehr hierher gehöre. Es ist jetzt das Elternhaus des kleinen Mädchens. Und dass meine Zeit in diesem Haus Vergangenheit ist. Es ist Geschichte und man kann die Uhr nicht zurückdrehen. Meine Gefühle haben sich sehr verändert, seit ich dieses kleine Mädchen gesehen habe.


Wie sind deine Gefühle zur „neuen“ Heimat?
Es war eine schwere Zeit und hat lange gedauert, bis ich hier heimisch geworden bin. Heute bin ich dankbar, weil sie mir die Möglichkeit gegeben hat, mir ein neues, anderes Leben aufzubauen. Ich kann mir ein „zurück“ nicht mehr vorstellen. Obwohl es den Menschen hier 1946 nicht gut ging, war unsere Ankunft in Ulm organisiert. Wir kamen in ein Lager am Kienlesberg. Wieder viele Menschen in einem Raum. Wir Kinder sind jeden Tag durch die zerbombte Stadt bis zur Georgskirche gegangen, denn dort war noch die Weihnachtskrippe aufgestellt und was uns am meisten faszinierte, das war der kleine Mohr, der davor stand. So etwas hatten wir noch nie gesehen. Wenn man dem Mohr ein Geldstück in den Schlitz warf, dann nickte er dankbar. Auf dem Weg durch die Stadt bekamen wir auch immer wieder ein Stück Brot oder einen Apfel von freundlichen Frauen in die Hand gedrückt. Man hat es uns also angesehen, dass wir Flüchtlingskinder sind. Unsere Familie wurde einige Wochen später nach Altheim gebracht und dort einquartiert. Wir hatten Glück, dass wir anständig behandelt wurden, auch wenn den vielen Flüchtlingen im Dorf mit Misstrauen begegnet wurde. Aber uns blieb natürlich auch nicht erspart, dass wir wegen unseres Dialekts gehänselt und wegen der Herkunft gemobbt wurden. Ich habe noch lange Jahre darunter gelitten „Flüchtling“ zu sein.


Wie hast du die Zeit erlebt zwischen Flucht aus der „alten“ Heimat und Ankunft in der „neuen“ Heimat?
Mariakemend war eine rein deutschsprachige Gemeinde. Als im November 1944 mit dem Ein- marsch der russischen Armee zu rechnen war, beschloss meine Mutter, mit mir und meiner 20- jährigen Schwester zu fliehen. Die älteste Schwester blieb zurück, weil sie zum Zeitpunkt unseres hastigen Aufbruchs in Pecs lebte. Am Ende einer 1 1⁄2 Jahre dauernden Odyssee durch Österreich, in der wir zum Teil in Lagern lebten oder auf Bauernhöfen gegen Hilfsdienste unter erbärmlichen Ver- hältnissen wohnten, kamen wir auf Anordnung der Alliierten mit einem Sammeltransport nach Ulm.

 

Wo war dein Vater in dieser Zeit?
Er war für mich die Bezugsperson, was auch umgekehrt galt. Er war ein sehr intelligenter und musischer Mensch, spielte mehrere Instrumente und konnte wunderbar singen. 3 Monate vor unserer Flucht -er war damals 51 Jahre alt- wurde er zusammen mit 5 anderen Männern noch zum Volkssturm eingezogen. Er hat uns viel geschrieben und seine Briefe waren immer an mich adressiert. Die letzte Nachricht war vom 29. April 1945, also eine Woche vor Kriegsende. Seither haben wir nichts mehr von ihm gehört. Seine fünf Kameraden sind alle heimgekehrt und sagten, dass er sich zu uns nach Österreich durchschlagen wollte. Ich glaube nicht, dass sie uns die Wahrheit sagten. Mein Vater, wäre er vom Krieg wieder heim gekommen, hätte alles daran gesetzt, dass ich trotz allem, trotz Flüchtling, eine höhere Schule besucht hätte. Mein Vater hat mir unwahrscheinlich gefehlt. Mir hat niemand vermittelt wie wichtig eine gute Bildung ist. Darunter, dass ich keine höhere Schulbildung habe, habe ich in jüngeren Jahren gelitten, heute nicht mehr. Heute habe ich so viel Selbstbewusstsein, dass ich über diesen Dingen stehe und ich sage unumwunden, dass ich nur die Volksschule besucht habe. Ich kann dies selbstbewusst sagen, da ich genau weiß, dass ich das Abitur und auch ein Studium ohne weiteres geschafft hätte, wenn die Möglichkeit dazu gewesen wäre.


Wie hat sich dein Leben dann weiter entwickelt?
Ich ging bis 1950 zur Schule und wollte anschließend auf die 3-jährige Handelsschule. Ich war eine gute Schülerin, hatte immer den Kontakt mit einheimischen Kindern gehabt, dadurch sehr schnell Schwäbisch gesprochen, was die Integration wie man heute sagen würde sehr förderte. Nach drei Monaten musste ich leider die Schule verlassen, weil ich Geld verdienen musste. Durch gute Fürsprecher fand ich auch ohne den Handelsschulabschluss einen Arbeitsplatz bei Magirus. Durch abendliche Kurse habe ich versucht mich weiterzubilden, was jedoch nicht ganz einfach war. Wir wohnten auf dem Land und die Busverbindungen zur Stadt waren sehr schlecht. Zweimal in der Woche habe ich nach Feierabend verschiedene Kurse besucht. Englisch, Maschinenschreiben, Steno u. dgl. Diese Kurse waren um 20.00 Uhr beendet, der letzte Bus nach Altheim ist um 18.00 Uhr gefahren. Und so stand ich da und musste warten bis der Spätschichtbus um 23.00 Uhr nach

Altheim gefahren ist. Bei Magirus blieb ich 10 Jahre und war zum Schluss Sekretärin eines Abteilungsleiters. 1961 habe ich bei der Gemeinde Staig eine nur übergangs- und aushilfsweise geplante Tätigkeit begonnen, woraus dann 34 Jahre wurden.


Wie ist es dir im persönlichen, privaten Bereich ergangen?
Mit 17 Jahren habe ich meinen Mann -einen Urschwaben – kennengelernt und wir haben 1955 begonnen das Haus in Staig/Altheim, in dem wir jetzt leben, zu bauen und 1957 geheiratet. 1959 und 1963 kamen zuerst der Sohn und dann eine Tochter zur Welt. 1961 musste ich den Tod meiner Mutter verschmerzen, die ihre alte Heimat 1960 nochmals und zum ersten Mal nach 16 Jahren ihre älteste Tochter Eva hatte wiedersehen können.


Welches politische Ereignis hat dich am stärksten berührt?
Der Fall der Mauer, die Öffnung der Grenzen nach Osten das ist ein großer Gewinn. Für mich war allerdings der Volksaufstand 1956 in Ungarn das Ereignis, das mich sehr berührt und beunruhigt hat. Ich fühlte mich solidarisch mit dem ungarischen Volk und dieses Geschehen hat bei mir große Gefühle ausgelöst, da ich spürte wie stark ich noch emotional mit Ungarn verbunden bin. Meine Mutter und ich hatten Tag und Nacht die Nachrichten im Radio verfolgt, hörten die Aufrufe der Ungarn um Hilfe und haben uns gewundert, dass die ganze Welt zuschaut, was in Ungarn Schreckliches geschieht und niemand hilft. Wir hatten furchtbare Angst um meine Schwester Eva, die sich noch in Ungarn befand. Und meine Mutter hat damals ja noch immer daran geglaubt, dass wir irgendwann mal wieder nach Ungarn würden zurück können.


Wie war denn deine sonstige Einbindung in deinem Wohnort?
Ich war von Anfang an in der Gemeinde sehr engagiert. So zum Beispiel als eine der ersten Frauen in der Frauenturngruppe, im Schützenverein, wo mein Mann 33 Jahre Vorstand war. Anfang der 60er Jahre habe ich den ersten Seniorennachmittag in der Gemeinde eingeführt. 1974 wurde ich als erste Frau in den Pfarrgemeinderat gewählt. Dass es da bei einigen Bürgern Widerstände gegen die Wahl einer „von den Flüchtlingen“ gab, hat mich damals sehr getroffen. Durch meine Tätigkeit in der Gemeindeverwaltung war ich in alle Veranstaltungen eingebunden. Besonders für die sozial Schwachen war ich die Anlaufstelle. Viele junge Paare habe ich als Standesbeamtin getraut, die ich bereits von Geburt an auf ihrem Weg begleitet habe. All dies verbindet und viele Leute im Dorf kennen mich und fragen nach mir. Dies ist für mich eine große Bestätigung meiner Arbeit in der Gemeinde.


Was hat sich mit dem Eintritt in den Ruhestand geändert?
Das war 1996. Meine Kollegen und vor allem der Publikumsverkehr haben mir anfangs sehr gefehlt. Da ich etwas Sinnvolles mit meiner Zeit anfangen wollte, habe ich mich für den Besuchsdienst im Altersheim entschieden. Über 20 Jahre habe ich wöchentlich mit ein paar anderen Frauen gemeinsam Demenzkranke besucht und mit ihnen gesungen und Spiele gemacht.


Wie kommst du auch an dein Alter denkend mit deinem Leben heute zurecht?
Nun, es gibt schon die eine oder andere Einschränkung. Ich bin nicht mehr so gut zu Fuß, kann aber den Weg zu meiner Tochter, die im Dorf wohnt, noch alleine machen. Auch den Haushalt erledigen mein Mann und ich noch selbst. Nur mit dem Garten wird es allmählich schwierig. Aber ich bin mit meinem Leben so wie es gelaufen ist zufrieden.


Und wenn du an die Lebensgestaltung in der Zukunft denkst?
Wir haben uns natürlich schon überlegt, ob wir in ein Seniorenheim ziehen sollen. Aber die finanziellen Begleitumstände und Bedingungen haben uns bisher davon abgehalten. Auch habe ich keine Angst vor der Zukunft, weil ich glaube, dass egal, was kommt, ich eine Lösung finden kann.

 

Was würdest du deinen Enkeln als Wunsch auf ihren Lebensweg mitgeben?
Ich wünsche ihnen ein Leben in einem friedvollen, starken, vereinten Europa in Freiheit mit offenen Grenzen ohne staatliche Willkür. Und ich wünsche ihnen, dass sie ihre Heimat nie verlassen müssen.