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Gebhard R.

Foto Urisk

von Christel F.-W.

 

Foto: Urisk

 

Gärtnerpfarrer Gebhard R.

Gebhard R. wurde vor 82 Jahren in Ulm geboren

E.r ist dort aufgewachsen und zur Schule. gegangen. Anschließend machte er eine Lehre als Gärtner. Nach der Lehre und zwei Gesellenjahren arbeitete er als Gärtner ein Jahr in der Nähe von  Kopenhagen und ein Jahr in Ramlösa in Schweden. In Kopenhagen entschied er sich, einen Neuanfang zu wagen und auf dem 2. Bildungsweg Abitur zu machen um katholische Theologie zu studieren. Er ging nach Deutschland zurück und wurde zehn Jahre später zum Priester geweiht.

36 Jahre lang arbeitete er als Pfarrer in zwei Gemeinden in Württemberg. Im Ruhestand, mit 70 Jahren, zog er mit seiner Schwester ins elterliche Haus  nach Ulm.

 

Pfarrer R. kommt zu uns nach Hause, und wir sprechen über Blumen, Vögel, naturnahe Gärten und die Imkerei.

 

Wie lebst du?

Entlastet vom Amt, freiberuflich eher nach der Maxime „Ebbes goht emmer“. Wenn ich gebraucht werde, gehe ich auf die Projekte ein, Gottesdienste, Krankenbesuche, wie früher mit meiner ganzen Kraft. Bin jetzt gesundheitlich eingeschränkt, zum Beispiel sehe ich schlecht und musste Zeitungen abbestellen, und alles geht etwas langsamer.

 

Wie gestaltest du den Alltag?

Früh aufstehen, gegen 5.30 Uhr, das ist meine Zeit, Musik und Nachrichten hören, auch im Gebet ganz für mich sein. Wenn die Schwester kommt, Tagesplanung, wer kauft ein, was steht an. Das gibt Struktur. Bin viel in drei Gärten, das genieße ich.

 

Mit wem triffst du dich?

Einmal in der Woche treffe ich mich mit pensionierten Kollegen im Wirtshaus. Gottesdienst feiere ich jede Woche in einer kleinen Kirche. Habe dort eine kleine Gemeinde. Ich habe feste Kontakte mit Verwandten, zu vielen Bekannten und Freunden. Telefoniere viel, große Korrespondenz, schreibe viele Briefe. Mit den neuen Medien kann ich wenig anfangen. Sie sind an mir vorbei gegangen. Hatte tüchtige Sekretärinnen und viele Ehrenamtliche, die halfen.

 

Hobbys?

Freude an den Blumen, an einem Schmetterling, an einem Stück Treibholz aus der Donau, freue mich an den Vögeln des Himmels. Genieße die Zeit in den Gärten. Bei der Imkerei, die meine Schwester betreibt, bin ich der Knecht.

Betreue über Jahre eine Frau bis ins 97. Lebensjahr zuletzt im Altersheim. In den Gesprächen mit ihr tauschen wir uns aus über gemeistertes Leben in Geduld im Kleinen und mit Mut und Demut in den Abenteuern eines langen Lebens. Von den Mitbewohnern werde ich oft angesprochen. Bekomme Traumata und Lebensmelodien mit. Ich bin gern bei den Menschen. Bin dort freiwillig und nicht verantwortlich, das ist wichtig. Habe einen Heidenrespekt vor den Profis und ihrer Arbeit.

 

Familiäre Beziehungen?

Lebe seit vielen Jahren zusammen mit meiner Schwester, habe weitere Geschwister und Kontakte zur Großfamilie, Cousins und Cousinen und deren Angehörigen. Bei ihnen fühle ich mich wohl und getragen. Früher gaben Onkel und Tanten Sicherheit und Geborgenheit. Diese Verwandtschaft gab mir einen riesigen Schub.

 

Wie bist du aufgewachsen, welche Wendepunkte?

Glückliche Kindheit trotz Krieg und Not. Ich hatte großartige Eltern und sechs liebenswerte Geschwister. Und dann der schwere Schlag für uns alle, als der Vater zu den Soldaten in den Krieg musste. Dann als im Bombenangriff unser Haus getroffen wurde. An den Plätzen, wo sonst mein älterer Bruder und ich saßen, starben meine beiden älteren Schwestern und die Oma. Mein Bruder und ich waren ein paar Tage zuvor vom Opa zu Verwandten gebracht worden. Ich lebe nur, weil ich am 17. Dezember 1944 nicht zu Hause war. Erst vor kurzem, nach 75 Jahren, war ich tief erschüttert, als die Münsterglocken am 17. Dezember im Gedenkgottesdienst läuteten.

 

Ausgebombt, evakuiert, kamen die Überlebenden aufs Dorf. Ein glückliches Jahr verbrachte ich mit  sieben Jahren auf dem Bauernhof. War meist ein unglücklicher Schüler und begeisterter Gärtner. Zwei Jahre nach Abschluss der Lehre ging ich nach Schweden und Kopenhagen. Durch Pflanzenimporte bestanden Kontakte der Gärtnerei nach Skandinavien. So lag es nahe, dahin zu gehen und zu arbeiten.

Immer schon in der katholischen Jugendarbeit engagiert, fand ich Kontakte zu den

internationalen katholischen Kirchengemeinden in Kopenhagen. Die wöchentlichen Treffen mit Jugendlichen abends in den Wohnstuben der Eltern wurden zum Erlebnis. Dazu bin ich selbst von Schweden mit Moped und Fähre angereist. Bei einem Gottesdienst am Aschermittwoch 1961, trafen mich Jesu Worte aus dem 6. Kapitel des Matthäusevangeliums: „Sammelt euch nicht Schätze auf Erden, wo Motten und Rost … sie zunichte machen.“ Danach entstand endgültig der Beschluss, einen Neuanfang zu wagen und zu versuchen, Priester zu werden.

In Kopenhagen sagte ich beim Abschied zu den Chefs und Kollegen, Gärtner gibt es viele, Pfarrer braucht man. Gott braucht Mitarbeiter.

Es war ein 10 jähriger Weg bis zum ausgebildeten Priester. Unter anderen mit den Professoren Ratzinger und Küng.

 

Pfarrer sein?

War überraschend vielseitig, viele Herausforderungen waren zu bewältigen, viele Begegnungen mit Menschen. Fühlte mich getragen und gehalten durch den Glauben und den Glauben der Menschen vor Ort. Auf die Administration war ich nicht vorbereitet, ebenso wenig, dass ich Unternehmer und Bauherr sein musste. Hatte aber viele Fachleute aus der Gemeinde, das war ein großes Glück.

 

Einschnitte?

Das Wort burn out gab es noch nicht. Ich war 19 Wochen abgebrannt außer Gefecht gesetzt und lernte dann, die Dinge mit mehr Gelassenheit anzugehen.

 

Gesellschaft heute?

Im Rückblick war meine Berufstätigkeit geprägt von der Kriegs- und Nachkriegsgesellschaft. Die Arbeit und das Überleben, das Weiterleben und besser Leben standen im Vordergrund. „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot verdienen“. Während heute die Arbeit mehr als Hindernis gesehen wird. Die Arbeitswelt erscheint viel lästiger und stressiger. In meiner Lehrzeit war Arbeit selbstverständlicher. Freizeit und Urlaub hatten viel weniger Bedeutung. Heute haben die Akademisierung der Berufe, die Bürokratie und das Controlling eine weit größere Bedeutung, das finde ich nicht so gut. Trotzdem, die Menschen sind  hilfsbereit, wenn ich zum Beispiel an einem Automaten stehe und nicht lesen kann.

Kürzlich traf ich einen jungen Türken am Bahnhof, der sagte, alte Deutsche sprechen nicht mit mir. Wir sprachen über Gott und die Welt, er fragte nach meinem Beruf, - Pfarrer - die heiraten oder die nicht heiraten dürfen? Als der Zug eintraf, trennten wir uns in aller Herzlichkeit. So etwas gefällt mir.

 

Jugendliche ?

Habe mit Jugendlichen heute wenig Kontakt, eher punktuell. In unserer Straße, in der es früher viele Kinder gab, gibt es nur noch ein Mädchen. Familiär habe ich Kontakte mit Großneffen.

Habe den Eindruck, es gibt viel Medientechnik mit geistigem Fastfood und weniger direkte Sozialisation und weniger Kommunikation zum Beispiel im Zug oder in der Straßenbahn.

 

Frage an Gott

Warum es in dieser wunderschönen Welt Menschen geben muss wie Stalin, Hitler und Napoleon. Habe seit der Jugend viel über das 3. Reich gelesen. Da kommt nach so langer Zeit jemand daher und sagt, es sei ein „Vogelschiss“. Das tut weh, das ist grausam.

 

Motto

Menschen zum Leben und zum Zusammenleben helfen, Wanderer in Gottes Welt zu sein, weil die Welt so schön ist. Er gibt uns allen den Atem.