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Julia G.

von Brigitte D.

 

Julia G. geb. 1934

 

Wie hat sich dein Leben entwickelt?

Ich wurde 1934 in Chile geboren, denn mein Vater trat, frisch verheiratet, als junger deutscher Pfarrer, eine erste Stelle in einer großen deutschen Gemeinde in Chile an. Dort kam ich dann bald zur Welt, und ich verbrachte in Südamerika eine wunderschöne und geborgene Kindheit.
Nach vier Jahren, im Herbst 1938, übernahm mein Vater eine Pfarrei in Deutschland, zunächst in der Nähe von Halberstadt.. Etwas später in einer kleinen Gemeinde im Harz, wo unsere inzwischen sechsköpfige Familie für längere Zeit wohnte. Ich verbrachte dort meine gesamte Schulzeit bis zum Abitur. Gegen Kriegsende  erlebte ich dort mehrere Tage Artilleriebeschuss durch die Amerikaner, vor denen wir uns immer im Keller schützten mussten. Nach Kriegsende im April 1945 besetzten zunächst die Amerikaner unser Gebiet. Bei der Teilung Deutschlands befand sich unsere Ortschaft jedoch im russisch besetzten Teil, d.h. in der DDR, kurz hinter der Zonengrenze. Mein Vater bekam viele Anfragen von DDR-Mitbewohnern, ob er ihnen nicht helfen könnte, auf die amerikanische Seite zu gelangen. Das konnte er nicht, aber die Grenzgänger durften bei uns übernachten, was für meine Mutter eine organisatorische Aufgabe war, da die Gruppen bis zu 14 Personen groß waren. Die Versorgung in der DDR war von Beginn an sehr schlecht.
Nach der Währungsreform ging es den westlichen Zonen schon recht gut, aber uns fehlte es an allem, Lebensmitteln, Kleidung. Schulbüchern usw.

 

Ich machte auf Wunsch meines Vaters eine Ausbildung zur Krankenschwester in einer evangelischen Einrichtung in Magdeburg. Das Mutterhaus dazu befand sich in Westberlin. Vor der Abschlussprüfung  wurden wir Schülerinnen für drei Tage vom Mutterhaus eingeladen. Ich tauschte mir etwas Ostgeld in DM (Kurs 1:5), um mir vielleicht einen Mantel zu kaufen. Irgendwie wurde ich dabei beobachtet und im Osten verraten, denn Geldumtausch war streng verboten. Seitdem wurde ich von der Stasi beobachtet. Es drohte mir nichts Gutes. Mein Vater war inzwischen gezwungen, nach Hannover in Westdeutschland zu fliehen. Mein ältester Bruder, der schon studierte, erhielt kein Stipendium mehr, er verließ die DDR. Auch meine Mutter floh mit den beiden jüngsten Brüdern.

 

Zum Glück schaffte auch ich  noch die Flucht über Westberlin zu meiner Familie in Hannover. Dort fand ich sofort einen Arbeitsplatz im Krankenhaus. Die Bezahlung war aber sehr schlecht. So hörte ich von der Möglichkeit in der Schweiz zu arbeiten. Ich bewarb mich mit einer Kollegin und bekam dort eine Stelle im Kantonspital Aarau mit gutem Gehalt. Alles war sehr gut organisiert in der Schweiz. Im letzten halben Jahr lernte ich das Inselspital Bern (Uniklinik) kennen. Als mein Vertrag, der noch über das Mutterhaus lief, beendet war, kehrte ich nach Hannover zurück.
Es ergab sich die Möglichkeit, mich in der deutschen Klinik in Santiago/Chile zu bewerben, was mich sehr begeisterte. Nach langem Flug (eineinhalb Tage) in einer „Superconstallation“ landete ich im Januar 1960 in Satiago de Chile, wo mich der Verwalter der deutschen Klinik am Flughafen abholte. Die leitenden Kolleginnen dort waren deutsch, die Ärzteschaft chilenisch oder international. Zum ersten Mal kam ich in Kontakt mit den jüdischen Bewohnern Chiles. Die sozialen Unterschiede in der Bevölkerung waren erschreckend deutlich. Die Mitarbeiterinnen in der Klinik hatten geringfügige Ausbildungen. Obwohl sie fleißig und zuverlässig arbeiteten, war der Verdienst gering. So erlebte ich einen 8-wöchigen Streik des Pflegepersonals, der aber erfolglos endete. Nach dreieinhalb Jahren verließ ich aus privaten Gründen den südamerikanischen Kontinent, diesmal auf einem Frachtschiff, entlang der südamerikanischen Westküste durch den faszinierenden Panama-Kanal.
 
Chile habe ich verlassen mit einem großen Schatz an Erfahrungen mit wunderbaren Menschen. Die Menschen dort zeigen mehr Offenheit und Herzlichkeit und im Umgang miteinander mehr Wertschätzung als es im damaligen zerstörten und vernichteten Deutschland möglich war. Das hat mich nachhaltig beeindruckt und die Chile-Zeit zu einem bedeutenden Teil meines Lebens gemacht. In Antwerpen holte mich meine Mutter vom Schiff ab. Ich suchte mir einen Arbeitsplatz, um neues zu lernen, innerhalb meines Berufes, im Operationsbereich. Nach zwei Jahren entschloss ich mich zu einer neuen Ausbildung an der Krankenpflegehochschule in Frankfurt, um den Status der Lehrerin für Pflegeberufe zu erlangen. Nach zwei sehr anstrengenden Jahren des Studiums bekam ich 1969 eine Stelle als Lehrerin für Pflegeberufe in Großhadern bei München. Die Schülerinnen  hatten großes Vertrauen zu uns Ausbildern, und mir machte der Beruf viel Freude.

 

Bei einem Café-Besuch in München lernte ich meinen Mann kennen, der dort gerade einen Zahnärzte-Kongress besuchte. Bald darauf heirateten wir, und ich zog mit ihm in seinen Wohnort nach Ulm. In Ulm fand ich sofort eine Stelle in der Krankenpflegeschule in der Klinik am Safranberg. Berufsbegleitend habe ich mich in Psychologie und Didaktik weitergebildet.

 

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Hast du Kontakt zu Familienmitgliedern?
Zu meinen beiden jüngeren Brüdern, die auch in Süddeutschland wohnen, habe ich guten Kontakt, auch zu meinen Nichten und Großnichten. Sie besuchen mich öfters, wir treffen uns zu Familienfesten. Eine Nichte wird für mich im Pflegefall die Vollmacht übernehmen. Wir telefonieren sehr oft. Mein mittlerer Bruder ist 2000 an einer schweren Krankheit leider verstorben.
 
Wie verlief dein neues Leben im Ruhestand?

Nach einem Berufsleben als Krankenschwester und Lehrerin trat ich gemeinsam mit meinem Ehemann in den Ruhestand. Wir verbrachten noch erlebnisreiche Jahre zusammen. Mit großem Interesse für Menschen und Archäologie am Mittelmeer bereisten wir verschiedene südeuropäische Länder. Manchmal  wanderten wir in den Alpen oder Dolomiten.

 

Gemeinsam besuchten wir auch Weiterbildungsangebote beim ZAWiW. Das ZAWiW ist eine Einrichtung der Universität Ulm für ältere Menschen, ähnlich einer Seniorenuniversität. Die Gründerin Carmen Stadelhofer und ihr Mitarbeiterstab haben für die interessierten Menschen zwei Mal im Jahr ein hervorragendes Programm aus allen Bereichen von Wissenschaft, Kultur, Technik usw. angeboten, in Form von Vorlesungen, Workshops und Projekten – immer unter dem Prinzip des Forschenden Lernens. Daraus sind hochqualifizierte intereuropäische Projekte entstanden. Im Rahmen der Projekte schaffte es Frau Stadelhofer schon 1998, dass auch die anderen europäischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Umgang mit Computern erlernten und sich die Menschen per E-Mail verständigen konnten. Das erleichterte den Kontakt bei der Projektarbeit.

Für mich gab es die wunderbaren Kontakte mit europäischen Menschen, das Kennenlernen europäischer Länder, ihrer Landschaften und der Kultur und Eigenheiten ihrer Bewohner ohne Tourismus.

 

Leider wurde mein Mann gegen Ende seines Lebens schwer krank und ich war fünf Jahre mit seiner Pflege beschäftigt. In dieser Phase hatte ich noch einen schweren Unfall (2009) in einem Stadtverkehrsbus, der mich für meine eigene Genesung zusätzlich viel Kraft kostete.

 

Nach dem Tod meines Mannes, 2010, begann ich langsam mein eigenes Leben zu organisieren. Ich reiste mehrmals mit Reisegruppen nach Großbritannien und Irland, und beteiligte mich an Arbeitskreisen und internationalen Projekten des ZAWiW, z.B.  durfte ich an einer Projektreise nach Kroatien und Serbien teilnehmen, wo wir einen Einblick in die Spuren eines verheerenden Krieges bekamen, der schon einige Jahre zurücklag. Die Menschen hatten eine große Leidenszeit hinter sich.
 


Wie verbringst du heute deinen Alltag?

Ein großes Glück war für uns, dass wir zu Beginn unseres Ruhestandes die Seniorenweiterbildung ZAWiW kennenlernten mit allen Projekten Akademien und anderen Angeboten. Das war eine große Bereicherung unseres Ruhestandes. Auch anderweitig suchte ich Anschluss an verschiedene Freizeitgruppen und  Aktivitäten. Ich sang in einem Chor, ich traf mich regelmäßig mit Frauen zum Nordic Walking und Yoga, besuchte eine Reihe von Seminaren und Arbeitskreisen beim ZAWiW, wo es beim „Forschenden Lernen“ hauptsächlich um Kontakte zu anderen europäischen Gruppen ging. Seit der Zeit des Lock-down besuche ich fast täglich angebotene Online-Veranstaltungen. Bis heute bin ich aktives Mitglied im Arbeitskreis Frauengeschichte, besuche Seminare und Vorträge.

 

Wie siehst du deine Zukunft?
Ich möchte so lange wie möglich in meinem Haus mit Garten wohnen bleiben, das ich bis jetzt mit kleinen Unterstützungen bei der Hausarbeit und Gartenarbeit oder durch moderne technische Einrichtungen noch selbst versorgen kann.