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Eugen P.

Denta Ulm Gitti Duong Photo Eugen Perkowatz 1

von Brigitte N.-D.

 

 

Eugen P., 89 Jahre  -  Ulm

Eugen wurde 1931 in Jugoslawien geboren von deutschstämmigen Eltern. Er wuchs im  ungarisch- jugoslawischen Grenzgebiet 3-sprachig (serbokroatisch, ungarisch, deutsch) auf. Nach der Verfolgung der Deutschen durch Partisanen und Flucht aus dem Internierungslager in Jugoslawien kam er nach Wien, wo er die Schulzeit und Berufsausbildung zum Ingenieur absolvierte. Seine erste Stelle trat er bei Siemens in Stuttgart an. Er heiratete eine Wienerin, hatte 2 Kinder mit ihr und zog 1972 aus beruflichen Gründen nach Ulm. Hier engagierte es sich neben seiner beruflichen Tätigkeit ehrenamtlich in verschiedenen Vereinen und Einrichtungen. Von seiner Frau trennte er sich 1998. Der Sohn und die Tochter leben mit ihren Kindern in Ulm und stehen in jeweiligem gutem Kontakt zu ihren Eltern. Seit der Pensionierung widmet sich Eugen vielfältigen Beschäftigungen, wie Sport, Spiele und Treffen mit Freunden und netten Leuten.

 

Wie hat sich dein Leben entwickelt?

Ich wuchs in einer deutschstämmigen Familie in Titel, an der Grenze zwischen Ungarn und Jugoslawien auf, deshalb spreche ich diese drei Sprachen seit meiner Kindheit. In der Zeit des 2. Weltkriegs besuchte  ich eine ungarische Schule, die damals deutsch freundlich war. Als seit 1944  jugoslawische Partisanen die Deutschen verfolgten, wurde meine ganze Familie in verschiedene Vernichtungslager geschickt. Nach mehr als zwei schrecklichen Jahren konnten wir zum Glück den  grausamen Verhältnissen dort entkommen. Meiner Mutter gelang es, die gemeinsame Flucht zu organisieren.

 

Wir schleppten uns bis auf die ungarische Seite und landeten in einem Bauernhof, wo wir uns verstecken durften bis wir nach Österreich zu meinem Onkel  im Burgenland ausreisen konnten. Schließlich kam ich nach Wien, wo ich meinen ältesten Bruder wieder fand, der dort in guter Position war. 1947 mit 16 Jahren, musste ich in Wien dann erst noch die deutsche Schule besuchen, um ordentlich Deutsch zu lernen.

 

Nach dem Schulabschluss bestand ich die Prüfung zur Ingenieurschule, die ich mit Erfolg abschließen konnte. Mein Studium hatte ich mit Gelegenheitsarbeiten und durch Unterstützung meines Bruders bestritten. Leider fand ich dann keine Stelle und wollte nach Kanada auswandern.  Die Papiere waren bereits vorbereitet, als ich vor dem kanadischen Konsulat einen Studienfreund traf, der mir von seiner Bewerbung bei Siemens in Süddeutschland vorschwärmte. Durch seinen Ratschlag bewarb ich mich dort auch. So bekam ich umgehend, zu meinem großen Glück, eine Ingenieurstelle und zog nach Stuttgart.

 

Während eines meiner Besuche bei meinem Bruder in Wien traf ich zufällig in der Straßenbahn eine meiner alten Freundinnen wieder, die ich einst beim Fasching kennengelernt hatte. Unsere erneute Freundschaft führte uns in den Hafen der Ehe, und Bärbel verließ schweren Herzens ihr geliebtes Wien, um mit mir nach Deutschland zu kommen. Mein Arbeitsschwerpunkt verlagerte sich nach einigen Jahren, durch Aufstieg in eine höhere Position, nach Ulm, wo ich nun bis zum heutigen Tag wohne.

Welche Zeit war besonders schwierig?

Das Vernichtungslager kommt mir immer wieder in bittere Erinnerung. Die Verfolgung durch die Partisanen traumatisiert mich bis heute. Die Trennung von meinem Vater im Lager war für mich furchtbar tragisch. Jedes unserer Familienmitglieder musste in einem anderen Lager arbeiten. Bei einer Begegnung, umarmte er mich und ich merkte tief ergriffen, wie dramatisch für ihn die Zwangsarbeit war. Die meisten Gefangenen überlebten diesen Terror gar nicht.  Ich konnte es dann ermöglichen, als Jugendlicher, mit ihm zusammen in ein anderes Lager transportiert zu werden. Dort trafen wir zufällig meine Mutter wieder, die unsere Flucht arrangierte.

 

Wie erlebst du deine Jugenderinnerungen?

Mit meiner achtzig jährigen Mutter bin ich später nochmal in unsere Heimat nach Titel gefahren. Sie war sehr glücklich, nochmal das frühere Zuhause, eine damals wunderschöne Gastwirtschaft, zu sehen, obwohl nun alles recht heruntergekommen war. Auch mit meinem Sohn fuhr ich im Jahr 2015 nochmals dort hin. Nun waren die Gebäude aber fast ganz verschwunden. Ein früherer Schulfreund, der dort noch wohnte, führte mich durch meinen Heimatort, wo sich vor meinem inneren Auge meine Jugendzeit wieder abspulte. An der Stelle, wo sich unser liebenswertes Gasthaus befand  mit großem Garten nahe der Theiss, stand nun ein nüchternes Plattenbauhochhaus. Daneben die Ruine des alten Rathauses. Ebenso zerfallen waren die ehemaligen Wohnhäuser unserer damaligen donauschwäbischen Mitbewohner des Dorfes. In dem  Biergarten hinter unserem Haus wurde früher an jedem Wochenende musiziert und getanzt, die Musikkapellen wechselten sich wie üblich in einem Grenzland, international ab mit  ihren temperamentvollen Weisen. Mal kamen serbische Musikanten, ein anderes Mal ungarische Musiker oder es spielte eine urige Zigeunerkapelle auf. Die Stimmung war immer fantastisch und fröhlich und begeisterte die ganze Einwohnerschaft. Es wurde natürlich auch viel gegessen und Wein und Sliwowitz getrunken.  Manchmal spielte meine Mutter auf der Zimbel und sang dazu ungarische Lieder. Durch die nachfolgenden schwierigen und bitteren Jahre kam ich immer wieder mit großem Glück an den Katastrophen vorbei und konnte mir so meine Fröhlichkeit und Offenheit bewahren und schaute stets mit Optimismus in die Zukunft.

 

Wie läuft  zurzeit dein Alltag ab?

Meine Tage sind sehr abwechslungsreich. Meine Gesundheit fördere ich regelmäßig bei der Wassergymnastik und in der Sauna. Eine fröhliche Runde treffe ich immer beim Billard, wo es auch um sportliche Leistung geht, aber Leute treffen macht mir besonderen Spaß. Ich unterhalte mich gerne mit Bekannten und Unbekannten, und oft hilft man sich auch gegenseitig. Von zwei Knieoperationen und einer Rückenoperation habe ich mich zum Glück wieder gut erholt.

 

Triffst du öfters deine Familie?

Meine beiden Kinder sehe ich öfters ohne mich aufzudrängen, denn sie sind sehr beschäftigt. Mit dem kleinen 9 jährigen Enkel Franzl spiele ich schon mal Fußball oder auch Schach. Damiano, der Sohn meiner Tochter spielt bereits sehr schön Klavier, was mir große Freude macht, und seine jüngere Schwester geht in die Walldorfschule, von wo sie sehr kreative Ideen mitbringt. Mein Schwiegersohn ist Italiener, deshalb bin ich für die Enkel der „Nonno“. Manchmal bin ich einfach der Chauffeur für die Kinder.

 

Engagierst du dich auch ehrenamtlich?

Als ich nach Ulm zog hatte mich das Vereinsleben schnell eingeholt. Im Tennisclub ernannte man mich, wohl wegen meiner fröhlichen Natur, zum Vergnügungswart. Später engagierte ich mich bei den Donauschwaben als Zeitzeuge. Bei ZAWiW  war ich immer ein zuverlässiger Ansprechpartner für die Standbetriebe und Bewirtungen bei Festen, Ausstellungen oder ähnlichen Gelegenheiten. Auf den nächsten Weihnachtsmarkt freue ich mich schon, wenn ich am ZAWiW-Stand als Glühweinmundschenk wieder die vielen Besucher treffe. Auch Bildungsfahrten ins östliche Europa begleitete ich manchmal ehrenamtlich als Reiseleiter oder Dolmetscher.

Ein unvergessliches Erlebnis war eine Reise mit ZAWiW nach Kursk in Russland, an der ich als Mitorganisator teilnahm. Ich belegte speziell dafür einen Russischkurs bei der VH. Die Reise war eine tolle Erfahrung. Wir wohnten dort in einheimischen Familien, mit denen wir großen Spaß hatten. Es wurde musiziert, gesungen und getanzt, dabei auch jede Menge gegessen und getrunken. Unsere Freunde kamen später zum Gegenbesuch nach Ulm, und wir stellten für die russischen Besucher ein großes Programm auf die Beine. Als Mitglied des Vereins „Aktivsenioren e.V.“ konnte ich sogar ein Firmenbesuchsprogramm organisieren.

 

Gemeinsam mit  anderen Vereinsmitgliedern der „Aktivsenioren“ organisierte ich manchmal Fahrten bis nach Brüssel, um für Berufsanfänger in Bereichen Wirtschaft und Technik Beratungen durchzuführen. Ich war fünfzehn Jahre in dem Verein ehrenamtlich tätig. Durch meine ungarischen und jugoslavischen Sprachkenntnisse konnte ich auch junge Leute aus südosteuropäischen Ländern beraten.

 

Wie siehst du deine Zukunft?

Seit der Trennung von meiner Frau, vor ungefähr 30 Jahren, wohne ich alleine in einer drei-Zimmer-Eigentumswohnung, wo ich mich sehr wohl fühle. Es gibt immer etwas zu tun, zu räumen, zu planen, einzukaufen, und gerne treffe ich mich weiterhin mit lieben Menschen. Allerdings erschreckte mich der Lockdown während der Coronakrise, denn der persönliche Kontakt zu einigen Freunden und zur Familie fehlte mir sehr. Zum Glück zog ich noch nicht in eine Seniorenresidenz. Ich spielte schon  mit den Gedanken. Die armen Menschen dort waren drei Monate lang eingesperrt und durften keine Besuche empfangen. Das wäre für mich schlimm gewesen. Nun hoffe ich, dass es meine Gesundheit erlaubt, noch ein wenig in meiner jetzigen Wohnung zu bleiben. Irgendwann werde ich mich aber in einer Seniorenresidenz mit Betreuten Wohnen anmelden.