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Volker

von Ildiko D.

 

 

Volker, 71 Jahre alt, geboren im Norddeutschland. Wohnt mit seiner Ehefrau in Ulm in einer barrierefreien Wohnung. Zwei Kinder, zwei Enkelkinder.

Im Jahr 2013 einen Schlaganfall erlitten, seitdem im Rollstuhl. „ Du kannst deinem Schicksal nicht davonlaufen“

 

Wie gestalten Sie Ihren Alltag?

Wie jeder Mensch. Zuerst stehe ich auf, wasche und richte mich und dann fahre ich eine Viertelstunde Thera – Trainer (Therapeutische- Bewegungstrainer). Ich lese sehr viel, fast ein Buch pro Woche und ich schreibe selber ein Buch, eine Biographie unter einem anderen Namen.

 

Was machen Sie noch für Ihre Gesundheit?

Ich habe vier Mal in der Woche Therapie und gehe selbständig noch zuhause um den Küchenblock rum.

 

Was waren Ihre Hobbys?

Oh, ich war Sport verrückt! Im Sommer viel Radgefahren, aktiv jahrelang Tennis gespielt, zusätzlich ins Fitnessstudio gegangen. Vor vielen, vielen Jahren, als es mir noch gut ging, habe ich den Segelschein gemacht für den Boddensee, so dass ich auf den Bodensee auch Motorboot fahren durfte. Und Golf gespielt.

 

Und heute?

Wie schon gesagt, ich schreibe meine Biographie, mache Sudoku, pflege Freundschaften, unterhalte mich gern, gehe in Gruppen: Tagespflege und die Amsel – eine Gruppe für MS-kranke - die mich mitgenommen haben, sind sehr nette Leute, man kann sich gut unterhalten. Und ich gehe auch noch gern Essen.

 

Wie gehen Sie mit den neuen Medien um?

Ich habe ein Smartphone, ein iPad und E-Mail Adresse. Aber ich benutze das Internet nicht zum Bestellen, Einkaufen oder Recherchieren. Ich höre immer die Nachrichten über Radio, Fernsehen und lese die Zeitung.

 

Sie sind im Norddeutschland geboren, wie sind Sie nach Ulm gekommen?

Mein Vater hat sich beruflich verändert und wir sind nach Kaufbeuren umgezogen. Dort bin ich aufgewachsen und zur Schule gegangen. Danach ist mein Vater beruflich nach München gegangen und wir sind nach Fürstenfeldbruck umgezogen. Dort habe ich meine Ausbildung zum Bankkaufmann gemacht.

 

Hat die Familie Sie beeinflusst oder war es Ihre Entscheidung?

Nein, das war ganz allein meine Entscheidung.

 

Wie hat sich Ihr Leben weiter entwickelt?

Ich habe mich relativ schnell nach der Ausbildung beruflich verändert. Ich habe mich anderweitig beworben, war 9 Jahre bei einer Bank in verschiedenen Führungspositionen.

1981 habe ich zu Schwäbisch Hall gewechselt und bin dort geblieben bis zum Schlaganfall.

1985 habe ich eine höhere Position angenommen und bin nach Ulm gekommen.

 

Wie haben Sie Ihre Frau kennengelernt?

Oh! Das ist eine ganz lustige Geschichte.

Voller Freude und mit Begeisterung erzählt er, wie er mit seinem damaligen Freund aus der Schweiz, im Frühjahr 1970, nach Geislingen gefahren ist, um ihm die Gegend zu zeigen. In Gerhausen, in einem Tanzkaffee, hat er seine zukünftige Frau gesehen und mit ihr getanzt.

Er konnte die damalige junge Dame nicht mehr aus dem Kopf lassen und ist öfter nach der Arbeit vom Fürstenfeldbruch nach Geislingen gefahren, um sie zu treffen. Im September desselben Jahres haben sie geheiratet.

 

Sind Sie viel gereist? Wie waren die Begegnungen mit Ausländern?

Ja mindestens 3 Mal im Jahr, viel in Italien zum Golf spielen, nach Österreich zum Skifahren, nach Spanien. Ich habe gut verdient, es war kein Problem. Beruflich war ich auch in den USA und England.

Ich habe mit Nicht-Deutschen im Urlaub immer gute Erfahrung gemacht. Es war nie ein Problem, ich habe den Vorteil, dass ich ein sehr kontaktfreudiger Mensch bin, ich gehe von mir aus auf andere zu und spreche sie an.

 

Fühlen Sie sich als Europäer?

Ich bin ein Weltbürger! Das ist nicht selbstverständlich, dass wir hier leben und hier leben dürfen, dies haben wir unserm lieben Gott zu verdanken.

 

Gibt es ein politisches Ereignis, das Sie beindruckt hat?

Früher habe mich nicht so um Politik gekümmert, leider, muss ich sagen. Ich habe gelebt, ich habe gearbeitet, dass es uns gut geht, aber Politik war für mich eigentlich kein Thema.
Beindruckt hat mich der 11.September 2001, es war am unserem Hochzeitstag.

 

Was war der Wendepunkt in Ihrem Leben?

Als ich den Schlaganfall bekommen habe, habe ich angefangen, viel nachzudenken, über mich und über mein Leben, über die Welt allgemein. Mein erster Gedanke war, dass der liebe Gott sagt, du kriegst jetzt einen Schlaganfall, dass du zu Bewusstsein kommst und über dich nachdenkst. Ich habe es am Anfang als Strafe erfunden, bis mir irgendwann klar geworden ist, dass Gott seine Kinder liebt und es ist keine Strafe ist, und ich habe angefangen zu beten.

 

Hat Religion in Ihrem Leben eine Rolle gespielt, waren Sie früher religiös?

Nein, in dem Sinne nicht, auch nicht kirchlich. Erst nach dem Schlaganfall.

 

Falls Sie Gott treffen würden, was würden Sie ihm sagen?

Ich begegne unserem Jesus Christus jeden Abend, weil ich jeden Abend nach dem Gebet mit Jesus spreche. Ich sage zu ihm „danke lieber Jesus, dass du die ganzen Jahre über mich gewacht hast, dass du mich an die Hand genommen hast und mich vor Blödsinn bewahrt hast. Bitte nimm mich weiter an die Hand und zeige mir den Weg, so dass ich einen guten, anständigen Weg gehe“. In diesem Zusammenhang kam mein Wunsch, meine Idee, dass ich mich sozial engagiere.

 

Sozial Engagement?

Ja, schon mit Leuten, Pfleger, Therapeuten unterhalten. Mich haben die Zustände, die harte Arbeit des Pflegepersonals sehr beeindruckt und ich habe mir gesagt, dass ich irgendwann eine soziale Einrichtung nach meinen Wünschen und Ideen einrichten will. Seitdem spiele ich jede Woche Eurojackpot, nicht um mich selbst zu bereichern, sondern einfach um eine große soziale Sache zu machen.in der Berufszeit habe ich mir gedacht, ich würde nie wieder für Geld arbeiten, auch wenn  mir vorgeschlagen werden würde, dass ich weiter als 65J arbeite. Und irgendwann kam dieser Wunsch, aber ich habe nicht gewusst wie ich das machen kann. Ich bin dann in ein Seniorenheim gegangen, um nachzufragen wie ich mich einbringen könnte. So habe ich einsame Leute besucht, „Mensch ärgert dich nicht“ mit einigen Frauen gespielt. Ich habe mich viel im Pflegeheim und Reha Einrichtungen

 

Das ist Ihr Traum?

Nein, das ist meine Vision. Ich nenne das Mal ein Haus der Begegnung und Gesundheit, ein Sozialetat, „Wir für hier“ oder „Wir für Ulm“.

 

Und was wünschen Sie für sich selbst?

Mein Wunsch ist, dass ich kein Rollstuhl mehr brauche, dass ich wieder selbstständig werde.

 

Was würden Sie der Jugend sagen?

Gute Schulbindung erwerben und dann einen Beruf erlernen, falls es geht, einen sozialen oder handwerklichen. Fleißig und ehrlich sein ist ganz wichtig. Und immer versuchen, dass man nicht nur an sich denkt sondern auch an die anderen Menschen, und dass nicht alles im Leben selbstverständlich ist.

 

Wie sehen Sie die Gesellschaft heute?

Das viele von uns zu sehr an sich selber denken und weniger an die anderen, leider muss man feststellen, dass die Menschen immer mehr mit Ellbogen durch das Leben gehen, teilweise rücksichtslos. 

 

In welche Zeit Ihres Lebens würden Sie gerne zurückkehren?

Ich würde mal gern vielleicht wieder 50, das ist meine erfolgreiche Zeit gewesen, beruflich und sportlich. Ich war früher nicht gut in der Schule, mir ist die Grosche später gefallen, aber ich bin Jahr zu Jahr immer besser und vernünftiger geworden, aber auch fleißiger und habe gut verdient.

 

Also hat das Geld schon eine Rolle gespielt?

Ja damals schon. Mein soziales Denken kam nach dem Schlaganfall. Ich wollte in der Rente mit meiner Frau durch Deutschland fahren, um unser Land besser kennenzulernen, im Winter in den Süden fahren, dort eine Ferienwohnung nehmen. Einfach ein schönes Leben.

 

Gibt es Dinge die Sie heute anders machen würden?

Heute, wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte und junger werden könnte, würde ich mich wahrscheinlich politisch engagieren, würde schauen, dass ich in Gemeinderat komme, dass ich mich irgendwie einmischen und bestimmen kann. Und sozial engagieren.

 

Haben sich Ihre Träume erfüllt? Welche Wünsche möchten Sie noch in Ihrem Leben erfüllen?

Ja, schon. Ich wollte eine Kreuzfahrt machen, dazu bin leider nicht mehr gekommen.

 

Bedauern Sie bestimmte Entscheidungen im Leben?

Nein. Eigentlich nicht.

 

Voraus sind im Ihrem Leben besonders stolz?

Dass ich zwei gute Kinder habe. Auf meine Familie.

 

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Nein, gehört zum Leben.

 

Haben Sie eine Patientenverfügung, Testament?

Ja, habe ich gleich nach dem Schlaganfall gemacht. Vorher habe ich an so etwas nicht gedacht.

 

Was für ein Motto haben Sie für Ihr Leben?

Den Tag zu leben, wie er kommt.